Ankara lehnt sich immer stärker an westliche Militär- und Finanzstrukturen an. Die Regierung Erdogan spekuliert darauf, dass externe Unterstützung ihre innenpolitische Legitimationskrise lösen kann
Der Beitrag erschien am 17. April 2026 auf Englisch im internationalen Geopolitik-Magazin thecradle.co
Von Fatih Yasli
Fatih Yasli ist als Dozent tätig an der İzzet-Baysal-Universität in Bolu, hat zahlreiche Artikel in führenden Fachzeitschriften und Zeitungen veröffentlicht und ist Autor mehrerer Bücher über Faschismus, türkische Politik und politisches Denken
Während der Krieg gegen den Iran die Debatte in der Türkei dominiert, kommt es parallel dazu zu weiteren außenpolitischen Entwicklungen. Anders als andere NATO-Mitglieder und die Staaten des Persischen Golfs hat Ankara im Krieg keine offen anti-iranische Position eingenommen. Es hat Vorwürfe gegenüber Teheran vermieden. Gleichzeitig hat Ankara vermieden, die USA und Präsident Donald Trump direkt als Hauptverantwortliche für den Krieg zu benennen, indem es Israel die Verantwortung zuschrieb.
Begleitet wurde diese Rhetorik von einer Reihe bedeutender Schritte, die auf eine neue Phase der Integration mit dem Westen hindeuten. Der erste Schritt war die Entscheidung, in der Türkei erstmals ein multinationales Korps unter NATO-Kommando aufzustellen. Der zweite Schritt war die Einrichtung einer Maritimen Kommandokomponente in Istanbul im Rahmen der Internationalen Task Force, die mit den europäischen Plänen für die Ukraine verknüpft ist, wenn auch nicht formell nicht mit der NATO.
Warum also hat die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan vermieden, Trump zu verärgern, und gleichzeitig Schritte unternommen, die einer deutlich tieferen Integration in den Westen gleichkommen? Was bedeuten diese Schritte für die Türkei und für Erdogans politische Zukunft?
Fragile Wirtschaft und Angst vor Trump
Der Krieg, den die US-israelische Allianz gegen den Iran vom Zaun gebrochen hat, zeitigt Folgen, die weit über die Region hinausgehen. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Wirtschaft. Irans Strategie, die Straße von Hormus als Druckmittel gegen imperialistische Aggressionen einzusetzen, zielte darauf ab, die Weltwirtschaft durch Energieproduktion, Energieversorgung und Energiepreise zu erschüttern. Und sie war erfolgreich.
Als die Hormus-Bedrohung durch Angriffe auf Energieanlagen in den Staaten des Persischen Golfs ergänzt wurde, stiegen die Erdgas- und Ölpreise rasant an. Dies wiederum löste weltweit Inflationsdruck aus und führte zu erheblichen Störungen der globalen Lieferketten.
Experten zufolge werden die Auswirkungen des Krieges gegen den Iran auf die Weltwirtschaft gravierender und schädlicher sein als die der Ölkrise von 1973.
Länder wie die Türkei, die stark von Energieimporten abhängig sind und über fragile Volkswirtschaften verfügen, werden deutlich härter getroffen. Der Rückgang der Reserven der türkischen Zentralbank während des Krieges belegt dies eindeutig. In den letzten Wochen wurde in den türkischen Medien intensiv über den dramatischen Rückgang der Zentralbankreserven diskutiert.
Mit Kriegsausbruch kam es zu einem raschen Abfluss von spekulativem Kapital aus der Türkei. Um einen Währungsschock aufgrund der steigenden Nachfrage nach Devisen zu verhindern, verkaufte die Zentralbank einen Teil ihrer Goldreserven, kaufte Devisen und pumpte einen Teil davon in den Markt. Kritische Ökonomen in der Türkei schrieben, dass die Zentralbank knapp 50 Tonnen Gold verkauft habe, was den stärksten Rückgang der Reserven seit dem 17. August 2018 darstelle. Was geschah am 17. August 2018?
Kritische Politikwissenschaftler erinnern sich umgehend an einen Social-Media-Beitrag aus Trumps erster Amtszeit. Der US-amerikanische evangelikale Pastor Andrew Brunson war in der Türkei im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 inhaftiert worden. Während seines Wahlkampfs hatte Trump Brunsons Freilassung versprochen. Noch während Brunsons Prozess kündigte Trump in den sozialen Medien an, er werde die türkische Wirtschaft mit „massiven Sanktionen“ zerstören, sollte der Pastor nicht freigelassen werden. Am selben Tag stürzte die türkische Lira gegenüber dem Dollar ab, und die Türkei erlebte einen der größten Währungsschocks der letzten Jahre.
Knapp acht Jahre später sah sich die Zentralbank erneut dazu gezwungen, außerordentliche Maßnahmen zu ergreifen und tonnenweise Gold zu verkaufen, um eine weitere Währungskrise zu verhindern. Doch die „Vorsichtsmaßnahmen“ endeten damit nicht. Erdogan war sichtlich zufrieden, als der ehemalige US-Präsident Joe Biden sein Amt niederlegte und Trump zurückkehrte. Diesmal würde Erdogan nichts unternehmen, was ihn verärgern könnte – anders als in Trumps erster Amtszeit. Das ist jedem klar, der die türkische Politik aufmerksam verfolgt.
Seit Beginn des Irankriegs haben weder Erdogan noch Regierungsvertreter die Rolle der USA und Trumps in dem Konflikt thematisiert. Stattdessen haben sie Israel konsequent als Hauptschuldigen bezeichnet. In seiner jüngsten Rede vor dem Parlament bezog sich Erdogan erneut auf Israel und sagte: „Es ist klar geworden, wer von diesem Krieg profitiert.“ Dieser Darstellung zufolge waren sowohl der Kriegsausbruch als auch die Bemühungen, Trump hineinzuziehen, das Werk des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu und seiner Regierung. In diesem Sinne argumentiert Ankara, dass die Eindämmung Israels der einzige Weg sei, den Krieg zu beenden.
Dennoch ist es ratsam, die aktuelle Positionierung der Türkei und Israels pragmatisch zu betrachten. Beide Staaten sind Teil des transatlantischen Bündnisses. Die Wahrscheinlichkeit eines direkten Krieges zwischen ihnen ist kurzfristig äußerst gering. Die scharfe Rhetorik Netanjahus und Erdogans zielt vor allem darauf ab, die Innenpolitik zu dominieren und ihre jeweiligen politischen Machtbasen zu festigen. Erdogans Schweigen gegenüber Trump ist daher wenig überraschend.
Nach seinem Wahlsieg 2023 ernannte Erdogan Mehmet Şimşek, einen der führenden Vertreter der neoliberalen Wirtschaftsorthodoxie in der Türkei, zum Wirtschaftschef. Şimşek initiierte daraufhin ein Stabilisierungsprogramm zur Senkung der Inflation. Die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren dieses Programms ist die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu den USA und Europa sowie die Sicherstellung des fortgesetzten Zuflusses westlichen Kapitals in die Türkei. Nur unter diesen Bedingungen kann der Wechselkurs stabil bleiben und die Inflation sinken.
Machtverlust im Inland, Suche nach Legitimität im Ausland
Das Problem ist nicht nur wirtschaftlicher Natur. Da Erdogan stetig an Rückhalt in der Bevölkerung verliert und sich einer hegemonialen Krise im Inland gegenübersieht, sucht er zunehmend die Unterstützung des Westens, insbesondere Trumps, um seine Herrschaft zu erhalten. Während dieses Prozesses wurden die zuvor von Russland erworbenen S-400-Raketensysteme stillschweigend von der Tagesordnung genommen. Die Türkei war aufgrund dieser Raketen aus dem F-35-Programm ausgeschlossen worden. Nun werden Anstrengungen unternommen, wieder in das Programm aufgenommen zu werden.
Nach dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad positionierte sich die Türkei als Förderer des neuen, selbsternannten syrischen Präsidenten Ahmad al-Sharaa (des ehemaligen IS-Kommandeurs, der unter dem Kampfnamen Abu Muhammad al-Julani bekannt war) und als Subunternehmer der USA. Trump wiederum gewährte Erdogan Handlungsspielraum in Syrien und hob die bilateralen Beziehungen auf eine neue Ebene. So sehr, dass Tom Barrack, der von Trump ernannte US-Botschafter, letztes Jahr sagte: „Präsident Trump sagt: […] Geben wir ihnen, was sie brauchen […] Legitimität.“
Trump selbst hat Erdogan wiederholt gelobt und seinen Wunsch signalisiert, die guten Beziehungen zu ihm aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig hat sich Ankara das Ziel gesetzt, Teil der entstehenden europäischen Sicherheitsarchitektur zu werden, insbesondere angesichts der sich weiter verschlechternden Beziehungen zwischen den USA und Europa. Außenminister Hakan Fidan hat dies wiederholt betont und im Februar letzten Jahres erklärt: „Wenn die europäische Sicherheitsarchitektur neu gestaltet werden soll, ist dies ohne die Türkei unmöglich. Ein Ansatz, der eine Militärmacht wie die Türkei ausschließt, ist wenig realistisch.“
In diesem Kontext hat die Türkei versucht, ihre Position innerhalb der NATO zu stärken und gleichzeitig Bereitschaft signalisiert, den Aufbau eines europäischen Sicherheitsapparats zu unterstützen, in dem die USA eine geringere Rolle spielen. Das Vereinigte Königreich, Deutschland und Frankreich haben allesamt ihre Wertschätzung für den Beitrag der Türkei zur europäischen Sicherheit bekundet. Vor diesem Hintergrund gewinnt an Bedeutung, dass Ankara die Raketenvorfälle während Irans Vergeltung gegen die USA und Israel als gegen die Türkei gerichtet eingestuft hat.
Anfang März veröffentlichte Türkeis Verteidigungsministerium in vier verschiedenen Fällen Erklärungen, die zwar eine scharfe Rhetorik gegenüber Teheran vermieden, aber betonten, dass die Türkei durch die NATO-Präsenz im östlichen Mittelmeer geschützt sei. Die öffentliche Debatte in der Türkei hingegen konzentrierte sich auf die Behauptung, die Raketen seien außerhalb des türkischen Luftraums, möglicherweise im Weltraum, abgefangen worden und hätten Zypern treffen können. Dies befeuerte Spekulationen über eine Operation unter falscher Flagge.
In Gesprächen mit dem Iran vereinbarten beide Seiten die Einrichtung einer gemeinsamen Kommission. Kurz darauf rückten jedoch Projekte in den Fokus, die die Achse zwischen Türkei und dem Westen stärkten. Erstens das Projekt zur Aufstellung eines neuen, mit der NATO verbundenen multinationalen Korps in Adana, wo sich der Luftwaffenstützpunkt Incirlik befindet. Zweitens die Maritime Kommandokomponente in Istanbul, die zwar nicht formell der NATO untersteht, aber internationalen Charakter hat.
Seit dem NATO-Beitritt 1952 betrachtet die türkische Führungsschicht das Bündnis stets als Anker in den Beziehungen zum Westen. Die NATO gilt seit Langem als das effektivste Instrument der Integration. Das für Adana geplante multinationale Korps scheint darauf abzuzielen, diese Integration zu vertiefen. Da solche Korps typischerweise zwischen 20.000 und 80.000 Soldaten umfassen, wäre dies das erste Mal in der türkischen Geschichte, dass Tausende ausländische Soldaten auf türkischem Boden stationiert wären.
Noch wichtiger: Hauptziel dieses Korps scheint Russland zu sein. Langfristig wird dies unweigerlich negative Folgen für die Beziehungen der Türkei zu ihrem Nachbarn haben.
Der diesjährige NATO-Gipfel findet im Juli in der Türkei statt, und die dort getroffenen Entscheidungen dürften maßgeblich die Rolle und Bedeutung der Türkei innerhalb des Bündnisses prägen. Die Maritime Kommandokomponente in Istanbul ist formal keine NATO-Initiative, lässt sich aber nur schwer von der NATO trennen.
Im Januar 2026 unterzeichneten der britische Premierminister Keir Starmer, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Absichtserklärung zur Aufstellung einer 100.000 Mann starken internationalen Eingreiftruppe in der Ukraine. Nach dem Treffen in Paris sagte Macron: „Ich möchte unsere deutschen, italienischen und polnischen Freunde grüßen und insbesondere die bedeutende Rolle der Türkei im maritimen Bereich hervorheben. Die Türkei spielt hier eine wirklich wichtige Rolle und hat die volle Verantwortung übernommen.“
Die Maritime Kommandokomponente kann daher als Teil dieser Vereinbarung und als Versuch Europas gesehen werden, im Schwarzen Meer eine Position einzunehmen, die gegenüber Russland offen feindlich ist. Wenn man diese beiden Projekte mit der Mitgliedschaft der Türkei in Trumps Gaza-„Friedensrat“, der sich als eine Art alternative UNO präsentiert, und Ankaras Rolle beim Drängen auf die Entwaffnung der Hamas verbindet, wird die militärische Dimension vollständig erkennbar.
Die türkische herrschende Klasse und die Erdogan-Regierung versuchen, durch Militärbündnisse einen neuen Verhandlungsrahmen mit den USA und Europa zu schaffen. Im Gegenzug fordern sie Unterstützung für ihr politisches Überleben.
Vertiefte Abhängigkeit: Was kommt als Nächstes?
Um das Bild zu vervollständigen, muss man die militärische Dimension hinter sich lassen und zur politischen Ökonomie zurückkehren. Die türkische Wirtschaft ist durch den Finanzsektor, Exporte und Importe, Schuldenmechanismen, ausländische Gelder und spekulative Kapitalströme stark vom internationalen Kapitalismus abhängig. In den vergangenen 25 Jahren wurden keine ernsthaften Versuche unternommen, diese Abhängigkeit zu verringern oder ein unabhängigeres Wirtschaftsmodell aufzubauen.
Die Türkei hat keinen ernsthaften Weg der Industrialisierung oder Entwicklung eingeschlagen. Um dieses Versäumnis zu kompensieren, wird die Türkei nun in ein Paradies für billige und prekäre Arbeitskräfte für das internationale Kapital umgestaltet. Arbeitskämpfe werden unterdrückt. Unternehmen erhalten Bergbaukonzessionen. Neue Energiekorridor-Projekte werden vorbereitet. Mit anderen Worten: Die Machthaber sehen eine tiefere Integration in imperialistische Strukturen von der Wirtschaft bis zur Sicherheit zunehmend als den rationalsten Weg – sowohl für sich selbst als auch für die Zukunft des Landes.
Große Teile der Bevölkerung sind heute aufgrund der Wirtschaftskrise zutiefst verärgert über die Regierung. Auch die Opposition fordert verstärkt Neuwahlen. Dennoch kann man nicht behaupten, dass es der Opposition gelungen ist, durch das Angebot einer Alternative zur Innen- und Außenpolitik der Regierung echte Hoffnung zu wecken.
Die Regierung ihrerseits erhöht den Druck auf die Opposition, um ihre eigene Krise zu überwinden und die Türkei in ein Land ohne aussagekräftige Wahlen zu verwandeln.
Dabei strebt sie die Unterstützung der USA und Europas an. Sie nimmt neue Verhandlungen mit dem Westen auf und unternimmt Schritte, die zeigen sollen, dass der Fortbestand von Erdogans Herrschaft weiterhin im Interesse des Westens liegt.
So durchlebt die Türkei eine multiple Krisenzeit. Und niemand weiß, wohin diese führen wird. Die kommenden Schritte aller Beteiligten könnten Hinweise auf die weitere Entwicklung geben. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es jedoch zu früh für ein endgültiges Urteil.
Titelbild: Neuer Präsidentenpalast in Ankara (Beştepe), 2014. Foto: Ex13, basierend auf OpenStreetMap-Daten (© OpenStreetMap-Mitwirkende), lizenziert unter CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/