Chinas wichtigste Korridore der Neuen Seidenstraße in Eurasien sind nicht fertig. So ist China anfällig für die Erpressung durch die US-Marine. Irans Mautstellen-System an der Straße von Hormus bringt die USA dazu, die Trump-Doktrin zur Verhinderung von Chinas Hegemonie über Asien früher zu anzuwenden als geplant. China steht unter Zugzwang. Beide möglichen Züge geben Anlass zur Sorge um die Entstehung einer multipolaren Weltordnung
Der Beitrag erschien am 15. April 2026 auf: korybko.substack.com
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Der Iran setzt seine Souveränität über die Straße von Hormus durch die Errichtung einer Mautstelle durch. So riskiert er einen folgenschweren Fehler, der ihn selbst und China zur faktischen Kapitulation vor den USA zwingen könnte. Bereits zu Beginn des Krieges habe ich festgestellt: „Die US-Militärkampagne gegen den Iran ist Teil von Trumps Großstrategie gegen China.“ Ihr unausgesprochenes Ziel ist die Kontrolle über Irans Energiewirtschaft, ähnlich wie über diejenige Venezuelas, um China zu einem einseitigen Handelsabkommen zu zwingen.
Der Iran kalkulierte, durch die Schließung der Straße von Hormus indirekt Druck auf die USA auszuüben – sowohl durch deren Verbündete am Golf als auch durch die übrige Welt. Die USA sollten zum Status quo ante bellum zurückkehren und der Iran die Straße im Gegenzug wieder öffnen. Transitgebühr in Yuan zu erheben, sollte wohl den doppelten Zweck erfüllen, die USA weiter unter Druck zu setzen und China zu mehr Unterstützung für den Iran zu bewegen. Stattdessen provozierten diese Schritte aber Trump dazu, eine US-Blockade der Straße von Hormus anzuordnen, die dem Iran und China wirtschaftlich schadet.
Der ehemalige hochrangige US-Sanktionsstratege Miad Maleki hat die wirtschaftlichen Kosten für den Iran in einem Thread berechnet, er schätzt: „Die Speicher füllen sich innerhalb von 13 Tagen, was zu Stilllegungen von Ölquellen und damit zu dauerhaften Schäden an den Reservoirs führt.“ Vor dem Krieg stammten 13,4 % der chinesischen Ölimporte auf dem Seeweg aus dem Iran, nun sind sie durch die Blockade abgeschnitten. Venezuela, dessen Ölexporte unter US-Kontrolle stehen, machte hingegen nur 4 % aus. Fast ein Fünftel der chinesischen Ölimporte auf dem Seeweg unterliegt somit gewissermaßen US-Kontrolle.
Finanzminister Scott Bessent verdeutlicht die Ziele der Blockade gegenüber China mit den Worten: „Sie können Öl (aus dem Golf) beziehen. Kein iranisches Öl.“ Wohlgemerkt sind die Golfstaaten – mit Ausnahme von Oman, dessen Exporte aus dem Arabischen Meer stammen – für 35 % der chinesischen Ölimporte auf dem Seeweg verantwortlich. Somit steht tatsächlich mehr als die Hälfte dieser Importe aufgrund der Blockade unter US-Kontrolle. Dieser Anteil dürfte bald weiter steigen und sich sogar auf Chinas Außenhandel ausweiten.
Bald schon könnten die „Major Defense Cooperation Partnership“ der USA mit Indonesien und die – Berichten zufolge – darüber hinaus ausgehandelten Pläne für militärische Überflugrechte über das indonesische Archipel realisiert werden. Das würde Indonesien ermöglichen, die Straße von Malakka für chinesische Schiffe zu blockieren. Zwei Drittel des chinesischen Außenhandels und über 80 % seiner Ölimporte – weitere 30 % zusätzlich zu den Importen aus dem Iran und den Golfstaaten – verlaufen durch diese Straße. Indonesien könnte, unterstützt von den USA, dem Beispiel des Iran folgen und eine eigene Mautstelle errichten.
Beispielsweise könnte die Durchfahrt durch die Straße von Malakka mit Malaysia und Singapur so koordiniert werden, dass für die schnellere interozeanische Passage ein höherer Tarif gilt als für die langsamere Passage durch die zahlreichen Meerengen innerhalb indonesischer Gewässer. China würde für beide Varianten einen Aufschlag zahlen. Alle drei Staaten stehen den USA nahe – Indonesien nach seinem neuen Militärabkommen, Malaysia durch die Militär- und Handelsabkommen des letzten Jahres und Singapur als traditioneller regionaler Partner. Keiner von den dreien dürfte Widerstand gegen solche Bestrebungen der USA leisten.
Chinas stillschweigende Anerkennung der iranischen Souveränität über Hormus durch die mutmaßliche Zahlung der geforderten Gebühr schafft einen Präzedenzfall für die mögliche Einführung eines ähnlichen Systems auch in diesen Meerengen. Irans Mautstelle hat China somit unbeabsichtigt in Zugzwang gebracht – und das einen Monat vor Trumps Reise nach China. Untätigkeit könnte zum Zusammenbruch des Iran oder zur Wiederaufnahme des Krieges mit der wahrscheinlichen Zerstörung der gesamten regionalen Energieinfrastruktur führen. Beides ist für China nachteilig. Iran unter Druck zu setzen, jedem von den USA angebotenen Abkommen zuzustimmen, bevor vergleichsweise gute Bedingungen zurückgezogen werden, könnte den Iran zwar retten. Aber die USA könnten den Iran dann möglicherweise nie wieder Ölexporte nach China gestatten oder diese Exporte unter ihre Kontrolle bringen.
Sollte China versuchen, die Blockade zu durchbrechen, könnten seine Schiffe nicht nur zu spät eintreffen, um den Iran vor dem Zusammenbruch zu bewahren oder die Wiederaufnahme des Krieges zu verhindern, sie könnten auch von den USA könnten lange vor ihrer Ankunft abgefangen werden. Ebenso könnten die USA auf „plausibel abstreitbare“ Luft- und/oder Unterwasser-Drohnenangriffe gegen diese Schiffe zurückgreifen, die dann „Rebellen“ oder „kriminellen Organisationen“ zugeschrieben würden. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass China den Durchbruch versuchen wird, da es über die weltweit größten Ölreserven verfügt und wohl kaum wegen des Iran einen Dritten Weltkrieg riskieren wird, den es nicht einmal wegen Taiwan riskiert.
Die chinesische Führung ist für ihre Rationalität bekannt. Daher können die oben genannten Szenarien eines Durchbruchs der Blockade ausgeschlossen werden. Es sei denn, es geschieht etwas völlig Unerwartetes, wie etwa ein militärischer Machtkampf, der letztendlich dazu führt, dass Xi den Forderungen der Hardliner nachgibt und eine riskante Taktik wie in der Kubakrise anwendet. Jedes andere Endspielszenario führt dazu, dass die US-Marine den Großteil der chinesischen Ölimporte auf dem Seeweg sowie den Außenhandel durch ihren Einfluss auf die Straße von Hormus und Malakka kontrolliert.
Wären Chinas wichtigste Korridore der Neuen Seidenstraße (BRI) durch Eurasien vollständig gebaut und im geplanten Umfang umgesetzt worden, wäre China weniger anfällig für die Erpressung durch die US-Marine. Doch die USA haben jene Korridore durch hybride Kriegsführung geschickt untergraben. Die eurasische Landbrücke durch Russland wurde aufgrund der drohenden, willkürlich verhängten US-Sekundärsanktionen, die viele chinesische Unternehmen abgeschreckt haben, wirtschaftlich unrentabel. Die ergänzenden antirussischen Sanktionen der EU haben ihre Attraktivität zusätzlich reduziert.
Der China-Zentralasien-Westasien-Korridor, der China und den Iran durch Zentralasien verbinden sollte, ist nie richtig in Gang gekommen. Schuld daran sind vor allem die willkürlich verhängten US-Sekundärsanktionen gegen den Iran, die viele chinesische Unternehmen ähnlich schwer getroffen haben wie die Sanktionen gegen Russland. Auch der China-Pakistan-Wirtschaftskorridor, das Vorzeigeprojekt der Neuen Seidenstraße, scheiterte an der grassierenden Korruption und der US-Präferenz der herrschenden pakistanischen Elite (insbesondere des Militärs).
Der Wirtschaftskorridor Bangladesch-China-Indien-Myanmar war von Anfang an durch Indiens mangelnde Bereitschaft zur Teilnahme blockiert. Grund dafür war der Wirtschaftskorridor China-Pakistan, verlaufend durch den von Pakistan kontrollierten Teil Kaschmirs, den Indien für sich beansprucht. China und Indien haben zudem ungelöste Grenzkonflikte, unter anderem in der Region Nordostindien, durch die der Korridor verlaufen würde. Dies erschwert es Indien politisch, dem Vorschlag zuzustimmen.
Der Wirtschaftskorridor China-Myanmar verfügte über vielversprechende Aussichten. Doch dann brach die neue Phase des Bürgerkriegs in Myanmar aus, nachdem das Militär Anfang 2021 nach umstrittenen Wahlen wenige Monate zuvor die Kontrolle über das Land zurückerlangt hatte. Der resultierende Konflikt dauert bis heute an und macht den Korridor für den Handel in großem Umfang unrentabel, auch wenn seine Öl- und Gaspipelines weiterhin genutzt werden. Die USA versuchen erneut, die Junta für sich zu gewinnen, wodurch der Korridor unter ihren Einfluss geraten würde.
Und schließlich verläuft durch Thailand die ASEAN-Seidenstraße, in deren Zentrum eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von China nach Singapur steht. Thailand ist seit 1954 ein wichtiger Verteidigungspartner der USA und seit 2003 ein wichtiger Nicht-NATO-Verbündeter. Thailand stünde daher stets unter US-Einfluss, der – sei es durch die mit den USA verbündeten Streitkräfte oder durch politische Parteien – als Hebel genutzt werden könnte, um den Transit in Krisenzeiten zu stören. All das heißt, dass die Neue Seidenstraße Chinas vorhersehbare Erpressung durch die US-Marine nicht verhindern kann.
Die USA verfügen über ein weiteres Ass im Ärmel, um einen umfassenden strategischen Sieg über China zu erringen: die derzeit verhandelte ressourcenorientierte „Neue Entspannung“ mit Russland. Eine endgültige Vereinbarung würde China automatisch den Zugang zu jenen Rohstoffvorkommen verwehren, in die die USA investieren. Auch wenn es kein realistisches Szenario gibt, in dem Russland seine Energieexporte nach China als Waffe einsetzen würde, geschweige denn auf Geheiß der USA, befürchten manche in China diese Möglichkeit im Falle einer russisch-amerikanischen Annäherung nach Putins Amtszeit.
Betrachtet man die Erkenntnisse zur Neuen Seidenstraße, muss man folgern, dass China 13 Jahre nach deren Ankündigung weiterhin stark anfällig für die Erpressung durch die US-Marine ist. Aber erst Irans Blockade hat die USA dazu veranlasst, ihr geplantes Machtspiel voranzutreiben. Hätte der Iran seine Souveränität dort nicht mit solchen Mitteln durchgesetzt und hätte er keine Yuan-Gebühren erhoben, um den Petrodollar zu bedrohen, dann hätten die USA die Blockade nicht verhängt.
Ebenso wäre das mit Indonesien verhandelte Große Verteidigungs-Kooperationsprogramm möglicherweise nicht zu diesem Zeitpunkt angekündigt worden oder hätte zumindest nicht so offensichtlich darauf abgezielt, den USA im Krisenfall die Blockade der Straße von Malakka für chinesische Schiffe zu ermöglichen. Ebenso unrealistisch erschien es zunächst, dass Indonesien, Malaysia und Singapur Irans Mautstellen-System in der Straße von Malakka und den ausschließlich für Indonesien bestimmten Meerengen nachahmen würden. Doch das könnte nun bald Realität werden.
China war somit schon vor Irans Mautstellen-System anfällig für eine solche Entwicklung. Doch erst dieser Schritt offenbarte Chinas extreme Verwundbarkeit gegenüber der Erpressung durch die US-Marine, die Trump nun im Vorfeld seiner Reise im nächsten Monat nutzt, um China zu einem einseitigen Handelsabkommen zu zwingen. Ob er sein Ziel schon dann, später oder gar nicht erreicht, ändert nichts an der Tatsache, dass Chinas strategische Position derzeit extrem schwach ist und Trump 2.0 systematisch all diese Schwächen ausnutzt.
Der Kopf hinter all diesen Entwicklungen und der effektivsten Strategie zu ihrer Nutzung – unter anderem durch die flexible Anpassung der USA an veränderte internationale Gegebenheiten wie den Handelskrieg, die Venezuela-Krise und nun den Dritten Golfkrieg – ist Elbridge Colby. Colby ist Staatssekretär im Verteidigungsministerium und Autor von „Die Strategie der Verwehrung: Amerikanische Verteidigung im Zeitalter der Großmachtkonflikte“.
Die sogenannte „Trump-Doktrin“ ist im Wesentlichen seine Strategie der Verwehrung. Im Kern besagt sie, dass die USA alles daransetzen müssen, die chinesische Hegemonie in Asien zu verhindern. Zu diesem Zweck kontrollieren oder unterbinden sie indirekt chinesische Rohstoffimporte (Venezuela und Iran) und streben die Kontrolle über globale strategisch wichtige Punkte (Hormuz, Malakka und den Panamakanal) an. Diese Strategie wird verstärkt verfolgt im Vorfeld von Trumps China-Reise. Trumps angestrebter Erwerb Grönlands – oder zumindest die Erlangung hegemonialer Rechte über die Insel – ist ebenfalls Teil dieser Strategie und zielt darauf ab, China die Kontrolle über Seltene Erden zu entziehen.
Die vollständige Umsetzung der „Strategie der Verwehrung“ bzw. Trump-Doktrin war vermutlich bis zum Ende von Trumps Amtszeit geplant, wurde jedoch durch Irans Blockade beschleunigt. Die Blockade veranlasst die USA zu einer Reaktion, um die aufkeimende Bedrohung durch den Petroyuan im Keim zu ersticken. Dies wiederum stellt China vor eine direkte Herausforderung – unter anderem, weil das neue Militärabkommen mit Indonesien nun so wahrgenommen wird, als ob es den USA ermögliche, auch die Straße von Malakka für chinesische Schiffe zu blockieren, was einen „Gesichtsverlust“ Chinas zur Folge hätte.
Die USA beabsichtigten wahrscheinlich, China dabei zu helfen, sein „Gesicht zu wahren“, indem sie ihm – durch die Instrumentalisierung von Handelsabkommen – nur schrittweise den Zugang zu den Ressourcen und Märkten verwehren, von denen sein anhaltendes Wirtschaftswachstum und damit sein Aufstieg zur Supermacht abhängen. In diesem Szenario hätte China innen- und außenpolitisch Ruhe bewahren und alle Zugeständnisse an die USA im Handelsabkommen als freiwillig, nicht unilateral und dem Gemeinwohl dienend darstellen können. Doch das ist nun nahezu unmöglich.
Die USA wollten China helfen, sein Gesicht zu wahren. Sie wollten so das Risiko vermeiden, dass Hardliner Xi zu einer Krise nach kubanischem Vorbild drängen, um Chinas Image als stolzer Zivilisationsstaat im In- und Ausland zu wahren und die USA zum Nachgeben aus Verzweiflung zu bringen. Der Begriff „Gesicht“ ist so zentral für die chinesische Kultur, insbesondere auf politischer Ebene, dass dieses Risiko durchaus real ist, mögen seine Erfolgschancen objektiv auch gering sein.
Die US-Marine hat China durch Erpressung in Zugzwang gebracht. Unter strategischem Zwang stand China schon vor Irans Mautstelle, denn der hybride Krieg der USA gegen die Neue Seidenstraße seit 2013 ist erfolgreich. Die Mautstellen-Aktion hat US-Pläne beschleunigt und offengelegt. China befindet sich in einem Dilemma. Alle Schritte, zu denen es durch den Iran gezwungen wurde, haben negative Folgen. Ein Anlass zur Sorge um die Zukunft der entstehenden multipolaren Weltordnung.