Washington verschärft seine Haltung gegenüber Kuba. Wie würde sich Kuba verteidigen? Eine Ausmessung
Dieser Artikel ist am 31. Januar 2026 zuerst auf Englisch erschienen bei ronpaulinstitute.org
Von Gerry Nolan
Gerry Nolan ist auf Geopolitik, Sicherheitsfragen und die strukturelle Dynamik der globalen Macht spezialisiert. Er ist Gründer und Herausgeber von The Islander, einer unabhängigen Medienplattform zu Krieg, Diplomatie, Wirtschaftspolitik in der Multipolarität
Geschichte wiederholt sich nicht, sie aktualisiert ihre Mittel
- Da sich die Haltung Washingtons gegenüber Havanna erneut verschärft, lautet die Frage eigentlich nicht mehr, ob der Druck eskaliert, sondern wie und wann. Kuba lebt seit über sechs Jahrzehnten unter amerikanischem Zwang. Diese Realität ist fest verankert. Was sich geändert hat, sind das Schlachtfeld und die Mittel, mit denen kleinere Staaten wehren können. Also rein hypothetisch: Wäre Kuba gezwungen, sich in einer neuen Konfrontation zu verteidigen, welche Optionen hätte es dann tatsächlich?Eine unbequeme, aber unvermeidliche Antwort: Langstrecken-Angriffsdrohnen der Geran-Klasse. Im Gegensatz zu Venezuela, dessen Entfernung die Abschreckung verwässert, hat Kuba dank seiner Geografie eine andere Gleichung zur Verfügung. Mit einem Einsatzradius von fast 2.000 km würden von Havanna aus eingesetzte Systeme große Teile des strategisch wichtigen Landesinneren der USA – einschließlich der zentralen und nordöstlichen Regionen – theoretisch in Reichweite bringen.Das ist keine Rhetorik. Das ist Geometrie. Und die unangenehme Wahrheit für Washington ist: Ein unverhältnismäßig großer Teil der kritischen politischen, militärischen, energetischen und digitalen Infrastruktur der USA befindet sich innerhalb dieses Radius. Was würde theoretisch in diesen Bereich fallen?
- • politische Ziele: Washington selbst sowie hochkarätige symbolische Orte in Florida, darunter Mar-a-Lago
- • strategische militärische Ressourcen: große Bomberstützpunkte wie Dyess, Whiteman und Barksdale, auf denen B-1B-, B-52H- und B-2A-Träger stationiert sind
- • Kommandoarchitektur: Knotenpunkte des U.S. Southern Command, des Special Operations Command und des Cyber Command, die sich auf Florida und Texas konzentrieren
- • Weltraum- und Raketeninfrastruktur: Cape Canaveral und die Eastern Missile Range – zentrale Säulen der US-Vorherrschaft im Weltraum.
- • Energie-Nadelöhre: Raffinerien an der Golfküste, die einen bedeutenden Teil der amerikanischen Kraftstoffverarbeitung und -verteilung ausmachen
• Rechenzentren: das stille Rückgrat der modernen Macht – sie beherbergen Finanzsysteme, militärische Logistik, KI-Infrastruktur und staatliche Datenströme. Im Jahr 2026 sind Daten keine unterstützende Infrastruktur mehr, sondern strategisches Terrain.Die Lehre aus Venezuela ist nicht moralisch, sondern operativ. Politische Spannungen folgten auf strategische Unvorbereitetheit. Keine glaubwürdige Abschreckung. Unzureichende Verteidigungstiefe. Keine Eskalationsleiter. Kuba hingegen hat nach wie vor eine schwindende, aber reale Chance, besonders da die Aufmerksamkeit und die Ressourcen der USA auf den Nahen Osten und Iran verteilt sind.Was Washington nicht gerne laut ausspricht
Moderne Kampfdrohnen haben bereits ihre Wirksamkeit gegen westliche Luftabwehrsysteme unter Beweis gestellt und zwingen teure Abfangjäger dazu, billige, hartnäckige Bedrohungen zu verfolgen – und oft zu verlieren. Die taktische Luftfahrt, früher dominant, schließt diese Lücke nur zögerlich. Es geht nicht darum, Kriege zu gewinnen. Es geht darum, die Kosten der Zwangsmaßnahmen zu erhöhen. Und das ist der Teil, der die Berechnungen im Lagezentrum verändert.Jahrzehntelang überlebte Kuba durch Ausdauer. In der neuen Ära reicht Ausdauer allein nicht mehr aus. Das Völkerrecht wurde durch das Recht der Macht ersetzt. Appelle an die öffentliche Meinung verflüchtigen sich im Kontakt mit der Macht. Was bleibt, ist Abschreckung – kalt, rechnerisch und unromantisch.Wenn sich das Gleichgewicht der Angst auch nur geringfügig verschiebt, ändert sich die Diskussion in Washington. Nicht wegen der Ideologie. Nicht wegen Sympathie. Sondern weil es für die Konsequenzen plötzlich Adressaten gibt. Und dann entdecken Imperien in der Regel ihre Zurückhaltung wieder.