Westasien durchläuft einen historischen Wandel. Die auf die USA ausgerichtete Ordnung, die jahrzehntelang die Sicherheitsarchitektur der Region geprägt hat, steht vor wachsenden Herausforderungen. Immer mehr regionale Akteure lösen sich von ihr. Im Rahmen indigener Sicherheit und regionaler Zusammenarbeit können der Iran, Saudi-Arabien und die Türkei die Säulen einer neuen Ordnung bilden
Der Beitrag erschien am 9. Juni 2026 auf Englisch bei unitedworldint.com
Von Mohammad Reza Moradi
Mohammad Reza Moradi ist Leiter der Abteilung für Fremdsprachen und internationale Nachrichten bei der Nachrichtenagentur Mehr
Die jüngsten Entwicklungen in Westasien deuten darauf hin, dass die Region vor einem Paradigmenwechsel steht. In den vergangenen vier Jahrzehnten beruhte dort die Sicherheitsordnung weitgehend auf der Präsenz und der Intervention außerregionaler Mächte, insbesondere der Vereinigten Staaten. Heute gibt es viele Anzeichen dafür, dass dieses Modell erodiert und einer neuen regionalen Ordnung Platz macht, die auf der Zusammenarbeit zwischen den Mächten der Region selbst beruht.
Die Auseinandersetzung zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten sowie Israel ist einer der wichtigsten Wendepunkte in diesem Prozess. Washington und Tel Aviv gingen mit strategischen und langfristigen Zielen in die Konfrontation, die weit über eine begrenzte militärische Operation hinausgingen. Ihr Scheitern hat tiefgreifende Auswirkungen auf die regionale Dynamik. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist ein Wandel in der Wahrnehmung von Sicherheit und Sicherung durch die Staaten der Region.
Ineffektivität der US-ausgerichteten regionale Ordnung
Die US-gestützte Sicherheitsarchitektur in Westasien basierte auf einer Prämisse: Die Staaten der Region kämen im Gegenzug für eine (sicherheits-)politische Ausrichtung auf Washington in den Genuss des amerikanischen Sicherheitsschirms und seiner strategischen Garantien. In diesem Rahmen wurden in den letzten Jahrzehnten amerikanische Waffen im Wert von Hunderten Milliarden Dollar an arabische Staaten verkauft und ein weit verzweigtes Netz von US-Militärstützpunkten in der gesamten Region errichtet.
Die jüngsten Entwicklungen haben Grenzen und Schwachstellen dieses Modells aufgezeigt. Während der Spannungen in der Region mussten viele arabische Staaten, die ihre Sicherheitskalkulationen lange Zeit auf amerikanische Unterstützung gestützt hatten, erkennen, dass importierte Sicherheit nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit nachhaltiger Sicherheit ist. Selbst jene Länder, die in den letzten Jahren ihre Beziehungen zu Israel normalisiert hatten, um umfassendere Sicherheitsgarantien zu erhalten, blieben anfällig für die Auswirkungen regionaler Konflikte.
Eine der wesentlichen Schwächen der auf die USA ausgerichteten Ordnung besteht darin, dass sie Sicherheit nicht aus der Region selbst heraus generiert. Stattdessen wird die Sicherheit an einen externen Akteur ausgelagert. Ein solches Modell schafft zwangsläufig Abhängigkeiten und hindert die Staaten der Region daran, eigene Sicherheitsmechanismen zu entwickeln. Darüber hinaus haben die Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte gezeigt, dass die USA grundsätzlich nicht bereit sind, ihre weiteren Interessen für die Sicherheit irgendeines anderen Akteurs auf der Welt zurückzustellen – mit Ausnahme Israels.
Diese Realität trat insbesondere während des 40-Tage-Kriegs deutlich zutage. Arabische Staaten, die Ziel iranischer Vergeltungsschläge wurden, sahen sich mit einem Gefühl strategischer Einsamkeit konfrontiert. Diese Entwicklung hat die Sicherheitswahrnehmung in der gesamten arabischen Welt maßgeblich verändert und ein neues Konzept aufscheinen lassen: die Vorstellung, dass Sicherheit innerhalb der Region und durch regionale Akteure geschaffen werden muss, anstatt von externen Mächten importiert zu werden.
Anzeichen für eine neue regionale Ordnung
Hinweise auf diesen Wandel lassen sich in politischen und sicherheitsrelevanten Trends der letzten Jahre erkennen. Ein erstes Anzeichen ist der schrittweise Abbau von Spannungen zwischen den wichtigsten Mächten der Region. Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ist ein herausragender Meilenstein in diesem Prozess. Diese Einigung ist nicht nur eine bilaterale Aussöhnung, sie vermittelt darüber hinaus die wichtige Botschaft, dass regionale Krisen nicht ohne direkten Dialog zwischen den regionalen Mächten gelöst werden können.
Wenn der Iran während des 40-Tage-Kriegs Angriffe auf bestimmte arabische Staaten durchführte, dann nur als Reaktion auf US-Militäroperationen, die auf Stützpunkten in diesen Ländern gestartet worden waren. Der Iran hatte sie wiederholt davor gewarnt, ihr Territorium für Angriffe gegen ihn nutzen zu lassen. Die Aufrechterhaltung der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Iran und wichtigen arabischen Staaten trotz dieser Spannungen belegt, dass ein entscheidender Wandel in der regionalen Wahrnehmung im Gange ist.
Ein zweites Anzeichen ist die stärkere Rolle regionaler Akteure bei der Bewältigung regionaler Krisen. In den letzten Jahren wurden viele regionale Fragen verstärkt von Akteuren aus der Region selbst angegangen, während die Abhängigkeit von externer Vermittlung und Intervention allmählich abgenommen hat.
Ein drittes Anzeichen ist das sich wandelnde Verständnis von Abschreckung. Militärische Stärke oder die Beschaffung hoch entwickelter Waffensysteme aus dem Ausland garantiert allein keine dauerhafte Sicherheit. Stattdessen sind heimische Fähigkeiten, nationaler Zusammenhalt, regionale Zusammenarbeit und wirtschaftliche Entwicklung zu immer wichtigeren Größen bei Sicherheitsberechnungen geworden.
Ein viertes Zeichen ist die allmähliche Entstehung regionaler Partnerschaften und Allianzen, unabhängig von amerikanischen Rahmenbedingungen. In diesem Zusammenhang ist die immer stärkere Zusammenarbeit zwischen der Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten, Pakistan und anderen regionalen Akteuren zu sehen. Zusammen deuten diese Trends darauf hin, dass sich die Region auf ein Modell zubewegt, in dem einheimische Mächte größere Verantwortung für das Management von Sicherheit und Stabilität übernehmen.
Die Bestandteile der neuen regionalen Ordnung
Jede nachhaltige Ordnung in Westasien erfordert die Beteiligung der Hauptmächte der Region. Der Iran, Saudi-Arabien und die Türkei stellen die drei Seiten des Machtdreiecks der Region dar. Ohne ihre Beteiligung kann realistischerweise keine neue regionale Ordnung entstehen.
In den letzten vier Jahrzehnten hat der Iran eines der eigenständigsten Sicherheitsmodelle der Region entwickelt. Die Erfahrung von Krieg, Sanktionen und anhaltendem Druck von außen hat dazu geführt, dass Teheran mehr Wert auf einheimische Sicherheitsfähigkeiten und strategische Eigenständigkeit legt als die anderen Staaten der Region. Der jüngste Krieg hat gezeigt, dass der Iran auch bei größtem Druck als einflussreicher Akteur die regionale Dynamik prägt. In diesem Zusammenhang lässt sich die Rolle des Iran in einer künftigen regionalen Ordnung vor allem als Anbieter von strategischem Gleichgewicht und Abschreckung definieren.
Saudi-Arabien hat in den letzten Jahren versucht, über seine traditionelle Rolle als vorwiegend Öl-basierte Macht hinauszukommen und sich in ein regionales Zentrum für Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung zu verwandeln. Die Vision 2030 und die ehrgeizigen Wirtschaftsprojekte des Königreichs zeigen, dass Riad ein stabiles regionales Umfeld benötigt, um seine Ziele zu erreichen. Infolgedessen hat Saudi-Arabien der Deeskalation und der Zusammenarbeit mit wichtigen regionalen Akteuren zunehmend Priorität eingeräumt. In einer neuen regionalen Ordnung ist Saudi-Arabien gut positioniert als Wirtschafts- und Finanzmotor für regionale Integration und Infrastruktur-Entwicklung.
Die Türkei ist aufgrund ihrer geografischen Lage, industriellen Kapazität und wirtschaftlichen und militärischen Fähigkeiten ein weiterer wichtiger Akteur in Westasien. Ankara hat in den letzten Jahren immer wieder seinen Ehrgeiz unter Beweis gestellt, eine unabhängige Rolle in regionalen Angelegenheiten zu spielen. Die Türkei ist auf der einen Seite mit Europa verbunden und unterhält auf der anderen Seite enge Beziehungen zum Nahen Osten, Zentralasien und der weiteren islamischen Welt. In der künftigen regionalen Ordnung kann die Türkei als geopolitische und wirtschaftliche Brücke fungieren, die verschiedene Regionen verbindet und neue Netzwerke regionaler Zusammenarbeit ermöglicht.
Die Realität ist, dass keine dieser drei Mächte unabhängig eine nachhaltige regionale Ordnung schaffen kann. Ohne Saudi-Arabien kann der Iran die Sicherheit im Persischen Golf nicht langfristig gewährleisten. Saudi-Arabien kann die strategischen Spannungen in der Region nicht reduzieren, ohne den Iran einzubeziehen. Ebenso kann die Türkei ihre geopolitischen Ambitionen ohne Zusammenarbeit mit den beiden anderen Mächten nicht vollständig verwirklichen. Also muss jede erfolgreiche regionale Ordnung auf Zusammenarbeit, Dialog und Streitbewältigung zwischen diesen drei Staaten basieren. Eine solche Vereinbarung würde nicht nur die Abhängigkeit der Region von externen Mächten verringern, sondern auch ein enormes wirtschaftliches und politisches Potenzial freisetzen.
Fazit
Westasien durchläuft derzeit einen historischen Wandel. Die auf die USA ausgerichtete Ordnung, die jahrzehntelang die Sicherheitsarchitektur der Region geprägt hat, steht vor wachsenden Herausforderungen. Immer mehr regionale Akteure kommen zum Schluss, dass nachhaltige Sicherheit nicht aus dem Ausland importiert werden kann.
Stattdessen wird nach und nach das Konzept der indigenen Sicherheit und der regionalen Zusammenarbeit zum vorherrschenden Rahmen. In dieser sich entwickelnden Landschaft können der Iran, Saudi-Arabien und die Türkei als drei Hauptakteure die Säulen einer neuen regionalen Ordnung bilden, die auf strategischem Gleichgewicht, wirtschaftlicher Zusammenarbeit, gegenseitigem Respekt und der Lösung regionaler Probleme durch die regionalen Akteure selbst basiert.
Die wachsende Zusammenarbeit zwischen der Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan sollte nicht unbedingt durch die Linse des traditionellen geopolitischen Wettbewerbs betrachtet werden. Im Gegenteil: Wenn sich eine solche Zusammenarbeit im Rahmen einer unabhängigen regionalen Sicherheits- und Wirtschaftsarchitektur entwickelt, die frei von regionfremder Vorherrschaft ist, könnte sie einen großen Schritt hin zur Überwindung der US-geführten Ordnung im Nahen Osten darstellen.
Unter solchen Umständen würde der Iran diese Neuausrichtung nicht als Bedrohung wahrnehmen. Er würde sie vielmehr als Teil eines umfassenderen historischen Prozesses sehen, der zur Bildung einer neuen regionalen Ordnung führt. In dieser Ordnung würden die Länder der Region zum ersten Mal seit Jahrzehnten die höchste Verantwortung für ihre eigene Sicherheit und Zukunft übernehmen.