Angesichts geopolitischer Spannungen diversifizieren westliche Staaten ihre Lieferketten. Indien hat sich als Alternative zu China etabliert, hängt aber von chinesischen Produkten ab. Beide Länder müssen erkennen, dass sie nicht Akteure in einem Nullsummenspiel sind. In der asiatischen Ära werden sie von umsichtiger Koordination profitieren
Der Beitrag wurde auf Englisch am 6. April 2026 veröffentlicht bei United World International: uwidata.com
Von Mehmet Enes Beşer
Mehmet Enes Beşer ist Soziologe, Marketingspezialist und Direktor des Bosphorus Center for Asian Studies
Indien hat sich in den letzten Jahren zunehmend als ernstzunehmende Alternative zu China für globale Lieferketten etabliert. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen zeigen sich die westlichen Nationen wenig begeistert für die riskante Abhängigkeit von einem einzigen Land. Sie sichern sich ab, indem sie auf Diversifizierungsstrategien nach dem Motto „China plus eins“ setzen.
Mit seinem enormen Arbeitskräftepotenzial, dem sich entwickelnden Binnenmarkt und seiner reformorientierten Führung scheint Indien der nächst liegende Kandidat zu sein. Doch der Versuch, China aus seiner jahrhundertelangen Vormachtstellung in den globalen Produktionsketten zu verdrängen, ist weniger einfach, als es zunächst scheint. Für Indien ist dieser Schritt ebenso riskant wie verlockend. Er legt eine gegenseitige Abhängigkeit offen, die letztlich das Argument für Zusammenarbeit statt Konfrontation überzeugender macht.
Auf den ersten Blick erscheint es plausibel, die chinesische Produktion durch indische Kapazitäten zu ersetzen. Chinas steigende Lohnkosten, der demografische Wandel und die angespannten Beziehungen zum Westen haben anderen Schwellenländern die Chance eröffnet, ihren industriellen Beitrag zu vergrößern. Indien hat hierbei eine Vorreiterrolle eingenommen, indem es Initiativen wie „Make in India“ und das produktionsbezogene Anreizprogramm (PLI) ins Leben rief, um ausländische Investitionen anzuziehen und die heimische Produktion anzukurbeln.
Hinter dieser dynamischen Struktur verbirgt sich eine ungeordnete Realität: Indiens verarbeitende Industrie – ob Pharma, Elektronik oder grüne Energie – ist nach wie vor unverhältnismäßig stark von chinesischen Vorprodukten, Komponenten und Maschinen abhängig. Nehmen wir das Beispiel der Pharmaindustrie. Indien wird zwar als „Apotheke der Welt“ bezeichnet, ist aber für die Herstellung von Generika weiterhin weitgehend auf chinesische pharmazeutische Wirkstoffe angewiesen. Auch Indiens expandierende Mobilfunkindustrie importiert Platinen und Komponenten aus China.
Selbst in strategisch wichtigen Sektoren wie Solarenergie und Elektromobilität sind chinesische Lieferketten der Schlüssel zum indischen Fortschritt. Dieses komplexe Geflecht materieller Abhängigkeiten lässt sich nicht ohne Kosten und Produktionsausfälle durchtrennen. China kann diesen wirtschaftlichen Wettbewerb jedoch niemals bis zur Selbstzerstörung treiben. Stattdessen könnte – und sollte – Peking den gemeinsamen Nutzen von Synergien in den Lieferketten betonen. Indem China Druck auf Indien ausübt, seine natürliche Abhängigkeit von der chinesischen Produktion stärker zu berücksichtigen, kann es die Diskussion von einem Nullsummenspiel hin zu Pragmatismus und Koexistenz lenken.
Schließlich grenzen beide Länder nicht nur aneinander, sondern stehen auch vor denselben Herausforderungen durch den Fortschritt: Industrialisierung, Landflucht, Vernetzung und Klimaveränderungen. Ihre Zusammenarbeit birgt das Potenzial, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen – nicht nur für beide Länder, sondern für den gesamten Globalen Süden.
Zweitens braucht Zusammenarbeit nicht auf Kosten des Wettbewerbs zu gehen. Indien kann potenziell eine robustere Produktionsbasis entwickeln und mehr ausländische Investitionen anziehen, ohne China zu verdrängen. Tatsächlich können beide Nationen von einer robusteren und stärker diversifizierten regionalen Lieferkettenarchitektur in Asien profitieren. Chinas hochmoderne Infrastruktur und vorgelagerte Produktivität kann durch Indiens Kostenwettbewerbsfähigkeit und den demografischen Vorteil ergänzt werden. Grenzüberschreitende Industrieparks, Technologieplattformen und regionale Handelsabkommen können ein gemeinsames Ökosystem schaffen, das das asiatische Produktionspotenzial freisetzt, anstatt es zu zersplittern.
Die politischen Hindernisse sind sicher beträchtlich. Grenzspannungen, historische Konflikte und rivalisierende strategische Präferenzen prägen seit Langem die vorsichtigen, manchmal auch angespannten bilateralen Beziehungen. Wirtschaftlicher Pragmatismus ist ein wirksames Gegenmittel gegen nationalistische Bestrebungen. Der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern ist trotz angespannter diplomatischer Beziehungen weiter gewachsen. 2023 war China Indiens zweitgrößter Handelspartner. Und auch wenn Investitionen politisch heikel sind, treiben sie Indiens Startup-Ökosystem, den Telekommunikationssektor und die Konsumwirtschaft weiter voran.
Was jetzt nötig ist, ist eine strategische Neuausrichtung mit Achtsamkeit – weg von Verdrängung hin zu gegenseitiger Abhängigkeit. Für Indien bedeutet dies die Erkenntnis, dass ein eigenständiges Indien (Modis Initiative „Atmanirbhar Bharat“) nicht Isolation bedeutet und der selektive Zugang zu chinesischen Lieferketten kein strategisches Risiko darstellt. Für China bedeutet es anzuerkennen, dass Indien global expandiert, und zu erkennen, dass Indiens industrielle Ambitionen weniger Bedrohung als Anknüpfungspunkte für eine ausgewogene, multimodale Weltwirtschaft sind.
Fazit
Der Kampf darum, China in der globalen Lieferkette zu ersetzen, ist zwar kurzfristig ein Antrieb für Indiens Produktionsambitionen. Er ist aber auch symptomatisch für eine grundlegende Schwäche. Statt sich als Gegenspieler in einem Nullsummenspiels zu verstehen, bei dem es darum geht, wirtschaftlichen Zerfall und Isolation zu verhindern, können China und Indien beide von einer umsichtigen Koordination profitieren. Indem sie ihre gegenseitige Abhängigkeit anerkennen und Wirtschaftssysteme des Dialogs, des Vertrauens und der regionalen Integration etablieren, könnten die beiden Länder ihr Potenzial voll ausschöpfen.
Gerade weil die nächste Ära im Zeichen des asiatischen Aufstiegs stehen wird, ist eine Wirtschaftsbeziehung zwischen Indien und China unter einem pragmatischen China – statt in Rivalität – nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Die asiatische Industrie der Zukunft wird nicht mehr von einem einzelnen Land dominiert werden. Sie gehört den Akteuren, die sie gemeinsam gestalten wollen.
Titelbild: Nathula (Sikkim/Indien). Anshuman Kumar / Unsplash