Dieser Beitrag erschien auf Englisch am 5. Februar 2026 bei harici.com.tr
Von Harici
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Saif al-Islam Gaddafi, Sohn von Muammar Gaddafi und aussichtsreichster Kandidat für die möglichen Präsidentschaftswahlen in Libyen, wurde bei einem bewaffneten Angriff auf seine Residenz in Zintan getötet. Bemerkenswert: Die Ermordung fiel in eine Zeit, in der sich das Machtgleichgewicht in Libyen neu formierte und die Mächte der Region über die „Vereinheitlichung der nationalen Institutionen” verhandelten.
Saif al-Islam Gaddafi wurde bei einem Überfall auf seine Residenz in der Stadt Zintan getötet. In einer Erklärung seines politischen Teams heißt es, vier maskierte Angreifer hätten die Überwachungskameras außer Betrieb gesetzt, bevor sie die Residenz betraten. Dort heißt es weiter, Gaddafi habe sich den Angreifern widersetzt, sei jedoch „Verrätern zum Opfer gefallen”. Das politische Team wies darauf hin, dass die Ermordung einer so einflussreichen Persönlichkeit die Chancen für Frieden und Stabilität in Libyen gefährde.
Der Favorit der Wähler als Hindernis für die Pläne der Großmächte
Die Präsidentschaftswahlen in Libyen werden seit 2018 immer wieder verschoben. Hätten sie nun wie geplant stattgefunden, hätte Saif al-Islam Gaddafi voraussichtlich mit 70 Prozent der Stimmen gewonnen. Gaddafis potenzielle Macht vor Ort betrachteten externe Akteure, die in Libyen involviert sind, als Hindernis für ihre Pläne. Bedeutsam ist der Zeitpunkt des Attentats.
Zwei Wochen zuvor hatten, vermittelt von den USA, in Paris kritische Verhandlungen zwischen der Regierung der Nationalen Einheit (Tripolis) und dem Repräsentantenhaus (Bengasi) stattgefunden. An diesen Verhandlungen nahmen Premierminister Abdul Hamid Dbeibeh von der in Tripolis ansässigen Regierung der Nationalen Einheit und Khalifa Haftar, der den militärischen Flügel des in Bengasi ansässigen Repräsentantenhauses führt, teil. Gegenstand der Gespräche war die Vereinigung nationaler Institutionen.
Regionale Bedrohungen und die Haftar-Gaddafi-Gleichung lösten das Attentat aus
Beim Attentat soll laut Berichten auch diplomatischer Druck seitens regionaler Mächte im Hintergrund eine Rolle gespielt haben. Ägypten soll Khalifa Haftar dazu aufgefordert haben, den von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützten paramilitärischen Rapid Support Forces im Bürgerkrieg im Sudan nicht länger zu helfen. Andernfalls werde Ägypten Seif al-Islam Gaddafi den politischen Weg ebnen. Diese Lage könnte Gaddafi zu einem offenen Ziel sowohl für Haftar als auch für die VAE gemacht haben.
Als eine der ersten Einrichtungen wurde die Regierung der Nationalen Einheit des Attentats beschuldigt. Die 444. Brigade, die dem Verteidigungsministerium angehört und für ihre Nähe zu Ankara bekannt ist, wies solche Vorwürfe kategorisch zurück.
Russland verurteilt das Attentat, Familie macht westliche Regierungen verantwortlich
Die erste starke internationale Reaktion auf den Anschlag auf Seif al-Islam Gaddafi kam aus Moskau. Russland verurteilte das Attentat scharf. Gaddafis Cousin Ahmed behauptete in einer Erklärung, Seif al-Islam sei getötet worden, weil er ein Hindernis für die Pläne der USA für die libyschen Wahlen gewesen sei. Sein Cousin sei „von Agenten westlicher Regierungen ermordet worden, die Libyen mit dem Schwert regieren wollten“.
Das politische Team von Saif al-Islam forderte die sofortige Identifizierung und Bestrafung derjenigen, die das Attentat geplant und ausgeführt hatten. Gaddafi sei bis zum Schluss keine Kompromisse eingegangen und habe nicht nachgegeben.
Titelbild: Muammar al-Gaddafi mit einem Kind während eines Interviews, 7. Juni 1976.
Foto: Olof von Randow — Lizenz: CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/