Am 5. Februar 2026 sprach der argentinische Professor Pablo Javier Davoli auf Einladung der ESN-Fraktion im Europäischen Parlament über Lateinamerika und die neue Monroe-Doktrin. Organisiert wurde die Veranstaltung von zwei MEP, Alexander Sell und mir
Von Tomasz Froelich
Tomasz Froelich ist Mitglied des Europäischen Parlaments und stv. Delegationsleiter der Alternative für Deutschland bei der ENS-Fraktion
Professor Pablo Javier Davoli im EU-Parlament
Davoli berät die argentinische Vizepräsidentin Victoria Villaruel und gilt als profunder Kenner der Geopolitik und des Verfassungsrechts. Sein Anliegen: die Beziehungen zwischen Europa und dem hispanischen Lateinamerika auf ein neues Fundament zu stellen. Schon am Vortag führte ich ein längeres Gespräch mit dem Professor. Ein Satz blieb hängen: Wenn er nach Europa komme, fühle es sich an wie ein Besuch im Elternhaus. Europa sei noch immer Teil der Identität vieler Argentinier. Auf dieser Verbindung müsse man aufbauen.
Davoli denkt in großen zivilisatorischen Kategorien. Die gegenwärtigen geopolitischen Verwerfungen deutet er als Konflikt zwischen verschiedenen Weltanschauungen. Die hegemoniale unipolare Ordnung habe ausgedient. An ihre Stelle müsse eine multipolare Welt treten, in der kulturelle Identitäten und regionale Zusammenschlüsse mehr Gewicht bekommen.
Im Zentrum seines Denkens steht die Hispanidad – und die ist für Davoli weit mehr als eine sprachliche oder historische Gemeinsamkeit. Sie repräsentiere ein kulturelles Erbe, das von der Iberischen Halbinsel über den Atlantik nach Amerika getragen wurde und dort eine eigenständige Zivilisation formte. Dabei wirkten aus Europa vielfältige zusätzliche Einflüsse – im Fall Argentiniens ganz eindeutig der italienische, stellenweise auch der deutsche.
Andere Länder der Hispanidad seien wiederum stark von den indigenen Kulturen des Kontinents geprägt. Bei allen Unterschieden zwischen den Ländern Lateinamerikas eint sie eines: Sie bilden einen eigenen Kulturraum und sind alles andere als ein seelenloser Vorhof der USA. Dieses Erbe verbindet heute über 500 Millionen Menschen in Spanien und Lateinamerika – eine kulturelle Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Werten, Traditionen und geteilter Geschichte beruht.
Europa unterschätze die Bedeutung der Hispanidad sträflich, so Davoli. Gerade jetzt, da der Kontinent seine Rolle in einer multipolaren Welt neu finden müsse, biete sie eine natürliche Brücke zu einem der dynamischsten Teile der Welt. Lateinamerika verfüge nicht nur über enormes wirtschaftliches Potenzial und reiche Rohstoffvorkommen – es bleibe durch seine europäischen Wurzeln auch eng mit Europa verbunden.
Eine strategische Partnerschaft liege im gemeinsamen Interesse beider Seiten. Während sich die globale Machtarchitektur verschiebe, müssten Europa und Lateinamerika ihre historischen und kulturellen Verbindungen nutzen und gemeinsam für eine internationale Ordnung eintreten, die kulturelle Selbstbehauptung und regionale Selbstbestimmung respektiere.
Der Vortrag zog über 80 Besucher an – deutlich mehr, als wir erwartet hatten. Die Veranstaltung reiht sich ein in eine Serie von Debattenbeiträgen über Geopolitik von rechts, die Themenfelder erschließen, die in der europäischen Rechten bisher kaum diskutiert wurden.