Friedrich Merz steht in der Kritik. Er sei der deutschlandweit unbeliebteste Spitzenpolitiker. Er sei weltweit der unbeliebteste Regierungschef. Dabei war Merz nie ein Sympathieträger. Gerade weil er die Attitüde des herrischen Kapitalisten ausstrahlte, wollte man ihn ja unbedingt an der Spitze von Partei und Land haben.

Wie man einen Kanzler runterschreibt, haben wir schon bei Olaf Scholz erlebt. Je entschlossener Scholz den richtigen Weg ging und die Lieferung noch offensiverer Waffen an die Ukraine verweigerte, desto mehr wurde er als unbeliebtester und schwächster Kanzler aller Zeiten dargestellt. Und Boris Pistorius als Gegenspieler hochgeschrieben.

Merz navigiert Partei- und Staatsschiff durch eine immer stärker zerklüftete Parteienlandschaft. Kombinationsmöglichkeiten werden weniger, innenpolitische Spielräume kleiner. Weil der Außenpolitik das Primat zukommt, kommt alles auf außenpolitische Richtungsentscheidungen an. Und hier agiert Merz glücklicher, als zu erwarten war.

Von Geschicklichkeit kann freilich nicht die Rede sein. Aber nach verunglücktem Absprung bekommt er eine bruchfreie Landung hin. Dass das Völkerrecht ein Land wie den Iran nicht schütze, war eine unglückliche Äußerung. Die Verantwortung für solche Einschätzung nachträglich den USA und Israel zuzuschieben, eröffnet immerhin einen Ausweg.

Wer sich „desillusioniert“ von jemandem zeigt, der ist vorher illusioniert gewesen. Die Illusion war, so verriet Merz vor Gymnasiasten, dass der Krieg gegen den Iran in wenigen Tagen zu gewinnen sei. Natürlich stellt sich die Frage, ob der BND solche Einschätzungen gestützt hat, ob Merz nur Börsencharts oder auch Reliefkarten lesen kann. Usw.

Aber wer desillusioniert ist, der hat seine Illusionen auch abgelegt. Er kann ihnen nicht wieder verfallen. Als wollte er genau dies beweisen, schob Merz seiner Kritik im offizielleren Rahmen der Unions-Klausur in Berlin etwas Konstruktives hinterher. Deutschland und die EU müssten „eigene europäische Ideen“ entwickeln, wie dieser Konflikt zu lösen sei. Bravo! Das ist eine klare Abkehr von der Vorstellung, die USA erledigten im Iran für uns die „Drecksarbeit“.

US-Präsident Trump antwortete, wie zu erwarten, unangemessen. Merz finde es wohl okay, wenn der Iran eine Atombombe habe. – Wirklich kein Mensch glaubt, dass der Krieg gegen den Iran vom Zaun gebrochen wurde, um eine Atombombe zu verhindern. Dann macht Trump Merz verantwortlich für die Zustände in Deutschland: „Kein Wunder, dass es Deutschland so schlecht geht, wirtschaftlich und auch sonst!“

Die Ursache für die Zustände in Deutschland ist die Westbindung. Richtig wäre gewesen, das vereinte Deutschland 1989/90 aus dieser Bindung zu lösen und in jene europäische Friedensordnung einzubinden, die Willy Brandt und Egon Bahr vorgeschwebt hatte. Der Tausch Souveränität gegen Wohlstand, der für die soziale Marktwirtschaft der alten BRD noch gegolten hatte, verlor mit der Wende seine Gültigkeit.

Mit seiner Strategie zur Reindustrialisierung der USA richtet sich Trump direkt gegen Deutschlands Wohlstand. Und dass die Massenmigration gegen den Willen der USA geschehen sein soll, ist in Anbetracht der Penetrationstiefe US-amerikanischer Hegemonie ein Grizzlybär, den man sich keinesfalls aufbinden lassen sollte.

Friedrich Merz wurde Kanzler im Zeichen der Westbindung, in seinem CV standen Atlantikbrücke und BlackRock. Womöglich sollte er für die Ukraine schärfer eskalieren als sein Vorgänger. Aber seine Amtszeit wird nun vom Irankrieg geprägt. Seine Aufgabe besteht darin, abzuwickeln, wofür er persönlich steht. Kohl ist an dieser Aufgabe der Selbstüberwindung gescheitert.