Wer auf die Überschneidungen zwischen IS, al-Qaida und israelischen Interessen in Syrien hinwies, wurde jahrelang als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Neuerdings werden diese Überschneidungen offen als politische Methode präsentiert. Legitimität und Souveränität beruhen nicht mehr auf dem Mandat des syrischen Volks, sondern auf Nützlichkeit. Wer sich als nützlich erweist, wird in das westliche System eingebunden. Aber die Einbindung erfolgt nicht auf Augenhöhe, sie ist nicht durch die strategischen Prioritäten Syriens definiert, sondern durch den Nutzen für andere
Der Beitrag erschien zuerst auf Englisch am 29. April auf dem Substack des Autors: substack.com/pub/kevorkalmassian
Von Kevork Almassian
Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis
Als ich in den jüngsten Berichten sah, wie Syriens neues Regime – offen – auf die Linie der israelischen Ziele gegen die Hisbollah einschwenkte, hatte ich den gleichen Eindruck wie so oft während des Krieges: Was als „neue Entwicklung“ dargestellt wird, ist alles andere als neu, sondern seit Jahren sichtbar. Man hat den Menschen gesagt, sie sollten es ignorieren, abtun oder ins Lächerliche ziehen. „Real“ und glaubwürdig wird es erst, wenn israelische Quellen es bestätigen.
Denn verfolgt man diese Geschichte unvoreingenommen, beginnt sie weder mit dem aktuellen Regime in Damaskus noch mit einer plötzlichen geopolitischen Verschiebung. Sie beginnt viel früher, in den Jahren, als jeder, der auf die Überschneidungen zwischen bestimmten bewaffneten Gruppen in Syrien und den strategischen Interessen Israels hinwies, als Verschwörungstheoretiker hingestellt wurde.
Schon seit Jahren ist das Muster klar. Wer behauptete, bewaffnete Gruppierungen, die unter dem Banner von al-Qaida oder IS operierten, profitierten indirekt von israelischen Aktionen und umgekehrt, oder deren Positionierung auf dem Schlachtfeld stimme mitunter mit israelischen Prioritäten überein, wurde sofort diskreditiert. Automatisch erschienen die Etiketten: Propagandist, Regimetreuer, „Assadist“ oder Schlimmeres.
Und doch berichteten israelische Medien gleichzeitig – ganz offen – über verwundete al-Qaida-Kämpfer, die in israelischen Krankenhäusern behandelt wurden, und über Waffenlieferungen an Kämpfer dieser Gruppe. Das waren keine geleaketen Informationen. Nichts wurde verheimlicht. Es war öffentlich bekannt. Es mangelte also nie an Beweisen. Das Problem war die Weigerung, die Implikationen dieser Beweise anzuerkennen.
Nun berichtet plötzlich Amit Segal, der enge Verbindungen zum israelischen Establishment pflegt, wie Syriens neues Regime aktiv auf Israels strategische Ziele hinarbeitet, insbesondere auf die Schwächung der Hisbollah und die Eindämmung des iranischen Einflusses in Syrien. Auffällig ist dabei nicht nur die Ausrichtung selbst, sondern auch die Sprache, mit der sie gerechtfertigt wird. Sie wird als Überleben, Machtzentralisierung, internationale Legitimität und wirtschaftliche Rehabilitation dargestellt.
Mit anderen Worten: dieselbe Formel, die wir in der gesamten Region immer wieder beobachten: Wenn die Ausrichtung auf die dominante Machtstruktur die eigene Position sichert, wird sie als Pragmatismus präsentiert.
Hier wird die Geschichte brisanter, denn beschrieben wird eine Neupositionierung Syriens innerhalb einer regionalen Ordnung, in der Legitimität nicht mehr auf Volksmandat oder Souveränität beruht, sondern auf Nützlichkeit. Und Nützlichkeit ist in diesem Kontext klar definiert: die Beziehungen zum Iran abbrechen, die Logistik-Netzwerke der Hisbollah zerschlagen und Washington und seinen Verbündeten demonstrieren, dass Syrien nicht länger Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist.
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist einfach: Wenn Souveränität neu definiert wird als die Fähigkeit, sich im Austausch für Sanktionserleichterungen, finanzielle Unterstützung und Legitimation an externen Prioritäten auszurichten, was bleibt dann noch von Souveränität in einer sinnvollen Wortbedeutung übrig? Denn parallel zu dieser politischen Verschiebung taucht die altbekannte ökonomische Rhetorik auf: Entwicklungspakete. Handelszugeständnisse. Europäische Fördermittel. Milliarden, die unter dem Deckmantel von Wiederaufbau und Reintegration versprochen werden.
Das ist kein Zufall. Es ist der Mechanismus, durch den Staaten in das westliche System integriert werden. Man beweist seine Zuverlässigkeit, indem man seine Innen- und Außenpolitik an die Erwartungen des Systems anpasst – und erhält im Gegenzug Zugang zu dessen wirtschaftlicher Infrastruktur. Aber das ist keine Integration auf Augenhöhe. Es ist Integration als Funktion, bei der die Rolle nicht durch die eigenen strategischen Prioritäten, sondern durch den Nutzen für andere definiert wird.
Was diesen Moment von früheren unterscheidet, ist nicht die Tatsache, dass dieser Prozess stattfindet, sondern dass er nun mit ungewöhnlicher Klarheit offengelegt wird. Wir haben es nicht länger mit abstrakten Formulierungen über Stabilität oder Terrorismusbekämpfung zu tun. Uns wird nun ganz offen gesagt, dass das Ziel darin besteht, den operativen Handlungsspielraum der Hisbollah zu zerschlagen und den Einfluss des Iran in der Region zu kappen. Das ist wichtig, denn so werden jene Unschärfen beseitigt, die es den Menschen einst ermöglichten, den Syrienkonflikt in einfacheren, beruhigenderen Kategorien zu deuten.
Wir sind dazu gezwungen, uns der Realität zu stellen, dass das Schlachtfeld schon immer weitaus komplexer, vielschichtiger und stärker von externen Kräften geprägt war, als viele wahrhaben wollten. Und deshalb sage ich: Die Einbindung war niemals verborgen. Sie wurde geleugnet.
Es besteht ein Unterschied zwischen etwas, das verheimlicht wird, und etwas, das zwar offen zutage liegt, politisch jedoch als unbequem empfunden wird. Jahrelang stieß die Syrisch-Arabische Armee bei der Rückeroberung von Gebieten aus der Hand bewaffneter Gruppen immer wieder auf Waffenlager, deren Bestände eindeutig aus dem Ausland stammten. Sie traf auf Fraktionen, deren Loyalitäten nicht allein ideologische Bruchlinien widerspiegelten, sondern vielmehr die Interessen ihrer jeweiligen Gönner: Katar, Saudi-Arabien und westliche Geheimdienstnetzwerke.
Selbst die internen Konflikte zwischen diesen Gruppen – wie etwa die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen dem IS und al-Qaida-Ablegern – spiegelten die Rivalitäten zwischen jenen externen Schutzmächten wider. Es war niemals ein einheitlicher Aufstand. Es war ein zersplittertes Schlachtfeld, geformt von sich überschneidenden Agenden. Wenn wir nun also beobachten, wie das syrische Regime seine Legitimität dadurch zu beweisen sucht, dass es gezielt gegen die Hisbollah vorgeht, Waffentransporte abfängt und sich an den strategischen Prioritäten Israels ausrichtet, so lautet die eigentliche Frage:
Warum haben so viele Menschen über einen so langen Zeitraum hinweg darauf beharrt, ein solches Szenario sei schlichtweg unmöglich?
Ein Teil der Antwort liegt in der Macht des Narrativs. Der Krieg in Syrien wurde der Weltöffentlichkeit in einem stark vereinfachten Deutungsrahmen präsentiert: Diktatur gegen Revolution, Unterdrückung gegen Freiheit. Innerhalb dieses Rahmens wurde jeder Hinweis darauf, dass externe Mächte den Konfliktverlauf auf weitaus komplexere Weise steuerten, kurzerhand als bloße Propaganda abgetan. Doch die Realität lässt sich nicht auf Dauer dem Narrativ unterordnen. Irgendwann wird die Kluft zwischen beiden so tief, dass sie sich nicht mehr ignorieren lässt.
Hinzu kommt eine noch unbequemere Dimension: Viele Menschen hatten emotional und politisch massiv in eine ganz bestimmte Vorstellung der syrischen Opposition investiert – jener Opposition, die heute an der Macht ist. Sie glaubten fest daran, eine Bewegung zu unterstützen, die für Gerechtigkeit, Würde und Wandel eintritt. Nun zu erleben, wie sich genau jene Kräfte an den strategischen Zielen Israels und des Westens ausrichten, erzeugt eine innere Spannung, die sich nur schwer auflösen lässt.
Doch die Realität passt sich nicht einfach an, nur um fehlgeleitete emotionale Investitionen zu schonen. Stattdessen erzwingt sie eine Anpassung.
Unterdessen machen sich innerhalb Syriens die Folgen dieser Verschiebungen auf eine Weise bemerkbar, die weit entfernt von geopolitischem Kalkül ist. Die Erosion öffentlicher Dienstleistungen, die Privatisierung des Gesundheitswesens, der Zusammenbruch von Systemen, die einst kostenlose Bildung und medizinische Versorgung boten – nicht nur für Syrer, sondern auch für Menschen aus den Nachbarländern.
Priorität vor Ort haben nicht mehr ideologische Debatten. Priorität hat das Überleben: Zugang zu Nahrungsmitteln, Zugang zu Medikamenten, Zugang zu grundlegender Stabilität. Und das ist die letzte Ebene dieser Geschichte: Während strategische Bindungen auf höchster Ebene ausgehandelt werden, sind ihre Auswirkungen an der Basis spürbar. Und diese Auswirkungen sind nicht abstrakt. Sie sind unmittelbar, greifbar und oft irreversibel.
Für jene von uns, die frühzeitig davor warnten, dass dieser Verlauf möglich sei, fiel die Reaktion vorhersehbar aus: Abwiegelung, Spott und Anschuldigungen. Doch die Zeit hat die Eigenart, zu klären, was sich durch Debatten nicht lösen lässt. Und heute wird das, was einst als Verschwörung abgetan wurde, ruhig und offen als politische Methode bezeichnet – und zwar von genau jenen Akteuren, die zuvor als neutrale Beobachter galten.
Die Frage lautet also nicht mehr, ob diese Einbindung existiert. Die Frage ist vielmehr, was diese Einbindung darüber offenbart, wie Narrative konstruiert, verteidigt und schließlich wieder aufgegeben werden. Denn in der Geopolitik sind die folgenschwersten Allianzen nicht immer jene, die im Verborgenen liegen. Manchmal sind es genau jene, die jeder sehen kann – die jedoch nur wenige gewillt sind anzuerkennen.