Wenn der ‚deutsche‘ Begriff Geopolitik ins Spiel kommt, denkt man meist nur an das Eine: Greater Deutschland, oder: „Baby want Czechoslovakia“. Das legt uns zumindest eine Karikatur aus dem anglophonen Denk- und Herrschaftsraum nahe. In dieser Karikatur haben wir indes bereits eine typische Zuschreibung geopolitischer Art vor uns, die ein jüngerer Diskurs als ‚popular geopolitics‘ kennzeichnen und auf das Strengste hinterfragen würde
Von Ulrich Fröschle
Ulrich Fröschle ist Germanistik, er war außerplanmäßiger Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturgeschichte am Institut für Germanistik der Technischen Universität Dresden. Heute arbeitet er als strategischer Politikberater
‚Raum‘ zwischen Imagination und Wirklichkeit
In der Tat aber haben die politische Geographie Deutschlands und auch die deutschen Geographen viel mit der Geschichte sowie auch dieser speziellen Rezeption des Begriffs und Konzepts einer ‚Geopolitik‘ zu tun. Den Begriff Geopolitik hatte der schwedische Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén 1899 maßgeblich in den Umlauf gebracht. Der Terminus geriet nach 1945 vor allem im deutschen Sprachraum, aber auch anderswo in Misskredit, weil man die Politik des nationalsozialistischen Deutschland und den damit verknüpften Zweiten Weltkrieg mit der Geopolitik Karl Haushofers in einen kausalen Zusammenhang brachte.
Haushofer, ein vormaliger Berufsoffizier der kaiserlichen Armee und habilitierter Geograph, war der Promotor des Kjellénschen Begriffs in Deutschland, indem er mit ihm das Projekt einer speziellen politischen Geographie verband. Einer seiner Studenten kurz nach dem Ersten Weltkrieg war Rudolf Heß gewesen, später enger Mitarbeiter des Österreichers A. H., und Haushofer besuchte diesen vormaligen Studenten dann auch im Landsberger Festungsknast, in dem Heß mit dem Österreicher zusammen einsaß. Dagegen muß man aber festhalten, daß die von Haushofer vertretene Geopolitik, wie sie sich etwa in der von ihm seit 1924 herausgegebenen Zeitschrift für Geopolitik abbildet, erheblich komplexer ist als die späteren nationalsozialistischen Verlautbarungen. Ein wesentliches Vorbild hatte Haushofers Befassung mit der politischen Geographie unter dem Titel Geopolitik in der britischen und US-amerikanischen Großmachtpolitik sowie deren Theoretikern Sir Halford Mackinder und Admiral Alfred Thayer Mahan.
Gründe also genug, sich dem Konzept der ‚Geopolitik‘ differenziert anzunähern. Diese Annäherung unternehmen wir zunächst aus drei Richtungen: einer institutionellen, einer geistesgeschichtlichen und einer auf die historische Lage der Zwischenkriegszeit bezogenen Perspektive. Auf der Basis des Artikels von Haushofers späterem Mitarbeiter Otto Maull – auch er ein ausgewiesener Geograph – diskutierten wir eine institutionengeschichtliche Seite unserer begriffsgeschichtlichen und diskursanalytischen Annäherung: Die Propagierung einer Geopolitik stieß zum einen auf eine bereits akademisch etablierte Politische Geographie, die sich ihre Pfründe nicht nehmen lassen wollte, aber auch methodische Abgrenzungsschwierigkeiten sachlich vorbringen konnte. Auf der anderen Seite sehen wir darin indes ein typisches Vorgehen von noch nicht in Lehrstühlen verbeamteten Akademikern, die einen ‚turn‘ ausrufen, um damit Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Karrieremöglichkeiten zu generieren.
Vor dem Hintergrund einer immer wichtiger werdenden „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ (Georg Franck 1998) läßt sich dies auch heute noch an den vielen ‚turns‘ in den Geistes- und Sozialwissenschaften (vornehmer: Kulturwissenschaften) studieren. Damit ist aber nichts über – oder gar gegen – den wissenschaftlichen Wert solcher Etablierungsversuche gesagt: Nicht selten kommen solche Ideen, sich mit einer neuen Sicht auf altbekannte Dinge zu etablieren, aus einer langen und intensiven Beschäftigung mit einer bestimmten Problematik. Diese ruht auch meist auf fachinternen Debatten auf, die eine längere Vorgeschichte haben. Dies führt uns auf die geistesgeschichtliche und zugleich biographische sowie fachgeschichtliche Schiene.
Die Geschichte der Geopolitik als Begriff und Konzept in Deutschland läßt sich nämlich auch auf den Zoologen und Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904) als zentralen Impulsgeber beziehen, der mit seinen Arbeiten die Kulturgeographie ebenso wie die ‚Politische Geographie‘ begründet hat. Er lehrte seit 1886 in Leipzig, wo er unter anderem mit der Leipziger Schule um den Völkerpsychologen Wilhelm Wundt und andere zusammenkam – eine sehr wirkmächtige, geradezu weltweit ausstrahlende Konstellation. Über die Zoologie und generell das geistige Klima des 19. Jahrhunderts drangen darwinistische Elemente in die Analysen der politischen Geographie ein – dass man zum einen die Völker und Staaten als Organismen begriff und diese zum anderen in einem steten ‚struggle for existence‘ sah, einem Kampf um Ressourcen, Raum und Fortpflanzungsmöglichkeiten.
Karl Haushofer wiederum hatte durch seine militärische Schulung und die Generalstabsausbildung sowie seinen Dienst im Ersten Weltkrieg eines von der Pike auf gelernt: das Erkennen und Beurteilen von Räumen, das zweckgerichtete Auswerten geographischer Karten und das Einbeziehen geologischer wie klimatischer Bedingungen in die Beurteilung der Lage. Er hatte also gelernt, dass ein Gelände mit seinen Geländeformen, dass Verkehrsverbindungen und -hemmnisse usw. keineswegs reine Imaginationen sind, sondern Erscheinungen einer realen Welt, die sich unmittelbar auf Planungen und Handlungen auswirken – im Weltkrieg schlug sich die strategische, operative und taktische Geländebeurteilung grausam in Blutzoll nieder.
Warum aber hatte das Konzept einer Geopolitik nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eine solche Konjunktur erlebt? Diese Frage führt uns in die konkrete Lage der damaligen Leute.
Die Pariser Vorortverträge – von Versailles, St. Germain, Trianon und Sèvres – zerschlugen die k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn ebenso wie das Osmanische Reich, woraus eine Vielzahl neuer Staaten entstand, mit zum Teil sehr willkürlichen Grenzziehungen. Auch das Deutsche Reich verlor im Versailler Vertrag nicht nur seine vergleichsweise spärlichen Kolonialgebiete, sondern auch große Teile des Reichsgebietes. Diese Feststellung mündet in die historische Diagnose, daß die alte Ordnung/Unordnung im Grunde nur zu einer neuen Ordnung/Unordnung umgemodelt wurde, die bereits vom Ansatz her zahlreiche Konflikte in sich barg.
So kam es, dass nun viele Deutsche im neuerstandenen Polen, in der neuen Tschechoslowakei, in Belgien usw. lebten, aber auch Ungarn in Rumänien, dem neuen Jugoslawien, der Tschechoslowakei usw. Auch und gerade dem Nahen Osten wurden durch die Zerschlagung des Osmanischen Reichs neue Länder beschert, die ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen, Traditionen oder ethnische Verhältnisse aus den sog. Mandatsgebieten des Völkerbundes (einer Vorgängerinstitution der UNO) hervorgehen sollten. So sind etwa die Kurden ein gerade heute virulentes Beispiel: Sie begreifen sich als ein eigenes Volk, finden sich jedoch verteilt in der neuen Türkei, dem neuen Irak, dem alten Iran und dem neuen Syrien wieder.
Angesichts dieser komplexen und konfusen Lage kamen nicht nur in Deutschland Überlegungen auf, wie man damit umgehen sollte, wie man die eigene Lage insgesamt verbessern konnte – und wie man verlorene Gebiete zurück- oder ein eigenes Gebiet überhaupt erst gewinnen wollte. Aus der Position eines wirtschaftlich und politisch destabilisierten Landes, das gerade einen verheerenden Krieg verloren hatte, entwickelte sich in der deutschen Politik, in Wirtschaft und Militär, aber auch bei vielen Intellektuellen ein Denken um die Frage, wie man wieder zu Einfluss kommen konnte, nachdem man ja bis 1918 eine europäische Macht von beträchtlicher Potenz gewesen war.
Große Teile der Intelligenz wie der Bevölkerung dachten damals also ganz selbstverständlich noch, dass man als Deutsche grundsätzlich das gleiche Recht habe, im europäischen Konzert der Mächte auf Augenhöhe mit Franzosen und Engländern mitzuspielen. Auch die deutschen Sozialdemokraten und die Kommunisten waren keineswegs machtfern und dachten in solchen Kategorien – für die harten Kommunisten war eine implizit geopolitische Ausrichtung im Hinblick auf das neue Sowjetrussland und die 1919 gegründete Komintern, die Kommunistische Internationale, eh selbstverständlich. So ist das Erstarken der Rede von einer und eines Streites um Geopolitik in der deutschen Zwischenkriegszeit auch unter diesen Bedingungen zu sehen.
Die Zugriffsweisen der sog. kritischen Geopolitik stehen im Zusammenhang mit einer neuerlichen konstruktivistischen Ausrichtung vor allem der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Der französische Geograph Yves Lacoste kann als ein Vorreiter einer kritischen Sicht auf die gängigen geopolitischen Entwürfe gesehen werden. Doch der eigentliche Siegeszug der ‚critical geopolitics‘ setzte in den 1990er Jahren in der anglophonen Geographie ein – hier ist am prominentesten der Ire Gearóid Ó Tuathail zu nennen, aber auch der Brite Klaus Dodds als bekannte Namen für viele.
Die Basis dieser kritischen Wendung ist in Denkbewegungen wie im französischen Poststrukturalismus zu finden: etwa bei Gilles Deleuze und Felix Guattari in Mille Plateaux von 1980, wenn dort von ‚territoire‘, ‚territorialisation‘ und ‚déterritorialisation‘ die Rede ist. [1] Schon bei Henri Lefebvre finden sich in den 1970er Jahren Überlegungen zum Raum als semantischem Erzeugnis menschlicher Zuweisungen und Handlungen. [2] – Raumerkenntnis ist also ganz stark von den jeweiligen Diskursen geprägt, die die betreffende Redeformen über den Raum tragen und hervorbringen. Die kritische Geopolitik lenkt daher den Blick auf den Raum als „kulturelle Imagination“ und „kulturell Imaginäres“ (in Anlehnung an Stuart Halls Begriff des ‚cultural imaginary‘). Dieses Imaginäre wirkt sich aber auf die Vorstellungen und das Handeln der Leute aus – es ist also keineswegs damit erledigt, daß es ‚kulturell konstruiert/imaginiert‘ ist und sich nicht als Substanz etwa im Gelände findet.
Tatsächlich müssen gerade die geopolitischen Imaginationen, Bilder und Vorstellungen eine bedeutende Rolle auch in jeder und für jede Lagebeurteilung spielen, die sich realistisch nennen will. So durchdringen solche oft kollektiven Stereotype viele vermeintlich nüchtern-politische Analysen. Selbst die geographischen Bilder, die z.B. Karten und Atlanten entwerfen, werden z.B. schon durch die Färbung der Länder beeinflusst, wie auch der Kampf um die Darstellung von Grenzen und Ansprüchen in Atlanten stets politisch und keineswegs abstrakt geographisch ist.
Ein Stereotyp der Popular Geopolitics wie das hier eingangs zitierte von den Deutschen, die immer nur Weltherrschaft im Kopf hätten, das ist politisch und historisch freilich höchst bedeutsam. Durch die analytischen Ansätze der Critical Geopolitics ist dieses Konzept nun als solches benennbar geworten. Für die allgemeine Weltkenntnis dürfen wir also weder die Bedeutung realer geologischer und geographischer Räume bzw. Landschaften unterschätzen noch den Aspekt der semantischen Territorialisierung gegebener Räume, also deren gezielte oder unterschwellige Aufladung mit Sinn. Um das zu analysieren, bieten sich die Literatur und der Film als ideale Medien eines kollektiven Imaginären auch mit Blick auf geopolitische Vorstellungen an.
[1] Dazu Friedrich Balke, Gilles Deleuze, Frankfurt a.M. 1998, S. 143 ff.
[2] Henri Lefebvre, La production de l’espace, Paris 1974.