Der Wertanstieg von Gold und Silber kündet von der Wirtschaftsordnung der Multipolarität. Staatliche Planung wird stärker notwendig. Die Türkei ist gut gerüstet


Der Artikel ist am 5. Februar 2026 auf Englisch erschienen bei unitedworldint.com


Von Serhat Latifoğlu


Serhat Latifoğlu ist Ökonom, Investmentbanker und Kolumnist der Zeitung Aydınlık


Gold ist seit Anfang 2024 um 130 % gestiegen, Silber seit Mitte 2025 um fast 175 %. Während sich das erste Viertel des 21. Jahrhunderts dem Ende neigt, durchläuft das globale Wirtschafts- und Finanzsystem nicht nur eine zyklische Schwankung, sondern eine strukturelle Transformation. Die globale Finanzkrise von 2008, die beispiellose monetäre Expansion, die auf die COVID-19-Pandemie folgte, die Unterbrechungen der Lieferketten, die sich ändernden Gleichgewichte der Produktionskraft und die zunehmenden geopolitischen Spannungen haben die Grenzen der aktuellen Wirtschaftsordnung aufgezeigt.


Der Zeitraum, der 2026 beginnt, wird als Zeit in die Geschichte eingehen, in der die Kernannahmen des neoliberalen Modells zunehmend in Frage gestellt wurden. Die Beziehung zwischen Geld, Schulden, Souveränität und strategischen Ressourcen wird neu definiert. In diesem Zusammenhang werden Gold und Silber, lange randständig, zu zentralen Säulen des globalen Systems.


Das Fiat-Money-Regime hat seine Grenzen erreicht

Lassen Sie uns kurz zusammenfassen: Das Fiat-Mones-Regime nahm Gestalt an nach dem Abschied vom Goldstandard und der Zentralisierung der staatlicher Geldausgabe. Der Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems durchtrennte die Verbindung zwischen Geld und Realwert und ermöglichte ein Wirtschaftsmodell, das durch Kreditexpansion und Schulden angeheizt wurde. 


Eingebettet in die neoliberale Ordnung, steigerte dieses Modell kurzfristig das Wachstum. Aber es ebnete auf lange Sicht auch den Weg für finanzielle Blasen, Ungleichheit und chronische Krisen. Die Produktionskapazität des Westens und der damit verbundenen Schwellenländer wurde geschwächt, die zunehmend finanzialisierten Volkswirtschaften wurden abhängig von „einfachen Gewinnen“ auf den Finanzmärkten. 


Die öffentliche Verschuldung erreicht in den westlichen Volkswirtschaften historisch beispiellose Höhen. In vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften hat das Verhältnis von Staatsverschuldung zu BIP 100 % überschritten. Noch beunruhigender ist, dass sich die Verschuldung des privaten Sektors im Verhältnis zum BIP erneut dem Niveau nähert, das während der Weltwirtschaftskrise zu beobachten war. Es sollte daran erinnert werden, dass Überhöhe und das Missmanagement der privaten Schulden die Hauptfaktoren für große Krisen (1929, 1987 und 2008) waren.


Eine neue multipolare Ordnung

Das globale Wirtschaftssystem entwickelt sich von der Dominanz der neoliberalen/freien Marktideologie hin zu einer eher staatenzentrierten Struktur. Regierungsintervention haben in Sektoren wie Energie, Verteidigung, Lebensmittel und kritischen Mineralien zugenommen. Marktmechanismen werden ersetzt durch strategische Planung.


Die relative Schwächung der US-Hegemonie führt zur Entstehung einer multipolaren Struktur im globalen System. Die BRICS-Länder entwickeln alternative Institutionen und Zahlungssysteme zur westlichen Finanzarchitektur. Wirtschaftliche Instrumente ergänzen die traditionelle Diplomatie und militärische Macht. Zugang zu Ressourcen wird heute als Kernbestandteil nationaler Sicherheit angesehen.


Die Zentralbanken haben ihre Rolle formal ein wenig eingebüßt, aber ihre strategische Bedeutung zeigt sich in der anhaltenden Anhäufung von Goldreserven. Ohne Gegenparteirisiko und mit universeller Akzeptanz bleibt Gold in finanziellen Krisenzeiten ein einzigartig sicherer Hafen. Auch Silber, der Top-Performer der letzten Monate, nimmt eine unverwechselbare Position ein, sowohl als Währungs- als auch als Industriemetall. Die rasante Expansion der erneuerbaren Energien, der Verteidigungsindustrie und der Elektronik erhöht die Nachfrage nach Silber strukturell.


Fluss aus dem Westen nach Asien

Der wachsende Fluss physischer Edelmetalle aus westlichen Gewölben nach Asien spiegelt eine breitere Verschiebung des globalen Machtgleichgewichts. Industrieunternehmen und Regierungen gestalten ihre Lagerstrategien neu, um Lieferketten-Risiken zu mindern. Infolgedessen wird die Preisbildung auf Metallmärkten zunehmend von strategischen und politischen Faktoren beeinflusst.


Aktuelle Trends deuten darauf hin, dass das globale Finanzsystem in seiner jetzigen Form nicht nachhaltig ist. Schuldenlasten, geopolitische Risiken und der Wettbewerb um Ressourcen machen scharfe Preise unvermeidlich. Gold und Silber sind nicht nur Investitionsinstrumente, sondern auch strategische Sicherheitsvorkehrungen gegen systemische Risiken.


Türkei ist vorbereitet

Dank einer in den letzten zehn Jahren verfolgten Diversifizierungsstrategie der Reserven gehört die Türkei zu den Ländern mit relativ starken Goldbeständen. Das ist ein wichtiger Vorteil angesichts drohender globaler Turbulenzen. Dennoch vertieft die bestehende neoliberale Politik die strukturellen Schwachstellen der türkischen Wirtschaft.


Unter den Bedingungen einer aufstrebenden multipolaren Welt ist die Annahme eines sicherheits- statt nur freiheitsorientierten wirtschaftlichen Rahmens zu einer strategischen Notwendigkeit geworden. Maßnahmen, die öffentliche Produktion und Wohlstand priorisieren und Pläne zur öffentlich-privaten Zusammenarbeit vertiefen, stärken die wirtschaftliche Souveränität der Türkei, verbessern ihre Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks und ermöglichen ihr, die geoökonomischen Chancen des multipolaren Systems effektiver zu nutzen.


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