Das militärische und diplomatische Gewicht der Türkei hat zugenommen. Sie bestimmt nicht nur die Richtung regionaler, sondern auch globaler Entwicklungen
Der Beitrag ist am 2. Februar 2026 auf Englisch erschienen bei United World: uwidata.com
Von Adem Kılıç
Adem Kılıç ist Politikwissenschaftler
Die Welt ist mit dem Zusammenbruch der liberalen Ordnung konfrontiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und Jahrzehnte vorgeherrscht hat. Die westlichen Länder die diese Ordnung geprägt haben, vor allem die USA, haben die Krisen nicht mehr im Griff. Während die USA darum kämpfen, ihre globale Führungsrolle zu behalten, bauen Russland und China ihren Einfluss aus, indem sie sich als neue Wirtschaftsmächte etablieren – trotz der Abschreckungsmaßnahmen und Sanktionen des westlich geprägten Wirtschaftssystems.
Europa leidet unter einem Mangel an strategischem Willen und ist an einem Punkt angelangt, an dem es sich innerhalb der liberalen Nachkriegsordnung nicht mehr auf die USA verlassen kann. Außerdem hat es seine technologische und wirtschaftliche Überlegenheit verloren und sein moralisches Überlegenheitsgefühl mit dem Gaza-Krieg eingebüßt. Die klassisch moderne Unterscheidung zwischen Großmächten und kleinen Akteuren verschwindet immer mehr, während mittelgroße, aber leistungsstarke Länder zu wichtigen Elementen des neuen globalen Systems werden.
Die neue Realität und die Türkei
Vor dieser unbestreitbaren Realität tritt die Türkei als aufstrebende Macht in Erscheinung. Sie gehört zu den wenigen Akteuren, die diesen Prozess bereits vor Jahrzehnten vorausgesehen haben. Die Außenpolitik der Türkei hat sich in den letzten Jahren zu einer umfassenden Strategie entwickelt, die nicht nur reaktiv ist, sondern auch Macht vor Ort generiert und diese Macht am Verhandlungstisch in diplomatisches Kapital umwandelt. Die Schritte in Karabach, Libyen, im östlichen Mittelmeerraum und in Syrien entspringen der tausendjährigen staatlichen Weisheit der Türkei. Die dabei gewonnenen Erfahrungen verstärken ihr Potenzial, auch in Krisensituationen mit globalen Auswirkungen – wie den Spannungen zwischen den USA und dem Iran – Wirkung zu entfalten.
Karabach: Ein Ansatz, der den Status quo aufbricht
Der Karabach-Krieg ist nicht nur als Unterstützung der Türkei für die territoriale Integrität ihres Bruderlandes Aserbaidschan zu betrachten. Zum ersten Mal seit dem osmanischen Erbe und den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs hat die Türkei zentrale Verantwortung übernommen. In diesem Krieg hat sie einen Ansatz verfolgt, mit dem sie all diese Aufgaben gleichzeitig erfolgreich erfüllt hat: militärische Kapazitäten, Verteidigungsindustrie und diplomatische Koordination. Mit diesem Schritt hat die Türkei das Gleichgewicht vor Ort verschoben, ohne Russland komplett auszuschließen oder den Westen zu verärgern.
Am wichtigsten ist vielleicht, dass die Türkei sich als der effektivste Akteur nach Kriegsende herausgestellt hat. Die Steuerung des Waffenstillstandsprozesses, die kontrollierte Zusammenarbeit mit Russland und die neue geopolitische Route nach Zentralasien über Aserbaidschan machen die Türkei vom „Krisenverursacher” zum „Krisenmanager”. Und diese ganze Strategie hat einen neuen Prozess in Gang gesetzt. Sie ist ein konkretes Beispiel dafür, dass die Türkei harte Macht mit diplomatischer Macht kombinieren kann.
Libyen: Aufbau strategischer Tiefe im Mittelmeerraum
Der libysche Schauplatz hat gezeigt: Der regionale Ansatz der Türkei wird nicht nur von militärischen Überlegungen, sondern auch von geopolitischem Geschick geleitet. Die Regierung in Tripolis wurde in der Anfangsphase der Libyen-Krise von den USA, der EU, Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Griechenland, der Republik Zypern, Ägypten und sogar Saudi-Arabien abgelehnt. Ihre Unterstützung durch die Türkei hat den Verlauf des Bürgerkriegs verändert und alle Pläne durchkreuzt, die Türkei im östlichen Mittelmeerraum zu isolieren.
Die Türkei hebt sich dadurch von anderen Akteuren ab, dass sie ihre militärischen Aktionen vor Ort mit diplomatischer Flexibilität durchführt. Gleichzeitig hat sie ihr Gleichgewicht mit Russland gewahrt und ihre Kontakte zu den USA und europäischen Ländern im Hinblick auf die Zukunft Libyens ausgebaut. Mit diesem beispiellosen außenpolitischen Ansatz hat sie ihre Erfolge auf der globalen Bühne erzielt.
Dieser mehrgleisige Ansatz hat die Türkei zu einem unverzichtbaren Akteur in der Libyen-Krise gemacht und sie auf eine neue Ebene gehoben, nachdem die OSZE Minsk-Gruppe jahrzehntelang damit gescheitert war, dieses Problem zu lösen. Durch diese Schritte und Erfahrungen ist die Türkei zu einer ausgleichenden Macht geworden, die nicht mehr in Stellvertreterkriege verwickelt ist und selbst inmitten solcher Konflikte das Gleichgewicht halten kann.
Östliches Mittelmeer: Nicht Machtdemonstration, sondern Erinnerung an die eigene Stärke
Während der Krise im östlichen Mittelmeer setzte die Türkei ihre militärischen Kapazitäten nicht als Drohung ein, sondern als Argument für Verhandlungen. Angesichts der wiederholt unbegründeten Unterstützung Griechenlands durch Israel, die USA und EU-Länder gab die Türkei in Fragen der maritimen Hoheitsgewalt nie nach, sondern machte deutlich, dass in der Region kein Plan umgesetzt wird, den sie nicht genehmigt.
Die Türkei gründete ihre Strategie nicht auf maximalem Druck, sondern auf maximaler Abschreckung. Sie wahrte das Gleichgewicht innerhalb der NATO und zeigte sich in den Beziehungen zur EU und in den kontrollierten Kontakten zu Griechenland nicht als unberechenbarer Akteur, sondern als berechenbar kompromissloser.
Syrien: Verhandlungsfähigkeit und Machtpolitik
Auch der Schauplatz Syrien hat sich der türkischen Außenpolitik eingezeichnet, und zwar als einer der schwierigsten, aber auch lehrreichsten Bereiche ihrer Außenpolitik. Die Beziehungen zu drei wichtigsten Akteuren – den USA, Russland und dem Iran – sowohl vor Ort als auch am Verhandlungstisch zu pflegen, hat der Türkei einzigartige diplomatische Macht und Reflexe verliehen.
Die Türkei hat in diesem Prozess nicht nur eigene Sicherheitsinteressen verfolgt, sie hat sich als ein Hauptakteur herausgestellt, der heute die territoriale Integrität Syriens gewährleistet. Der Astana-Prozess zeigt: Die Türkei ist in der Lage, aus westlich geprägten Lösungsmustern auszubrechen und bei Bedarf alternative diplomatische Plattformen zu schaffen. Sie kann selbst in komplexen Spannungen wie zwischen USA und Iran ausgleichend wirken.
Fazit
Die Spannung zwischen USA und Iran hat sich über eine bilaterale Krise hinaus zum vielschichtigen Konflikt entwickelt. Es betrifft Israel, die Golfstaaten und den globalen Handel und Energiesicherheit direkt. Die Türkei hat sich zum Akteur entwickelt, der nicht nur regionale Krisen bewältigt, sondern auch in der Lage ist, den militärischen und politischen Verlauf dieser Krisen zu beeinflussen.
Indem sie den Status quo in Karabach verändert, das Geschehen in Libyen geprägt, die Abschreckung im östlichen Mittelmeerraum gesteuert und trotz aller globalen Akteure den Ausgang in Syrien bestimmt hat, nimmt die Türkei nun die Rolle des wichtigsten Vermittlers ein und bestimmt den Ausgang der Spannungen zwischen den USA und dem Iran.
Titelbild: Foto: President.az — CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)