Mit der Nationalen Sicherheitsstrategie wenden sich die USA der Multipolarität zu, um ihr eine bipolare Logik aufzuspielen. Für Deutschland bietet die Strategie mehr Gefahren als Chancen
Der Beitrag ist eine Erweiterung eines Substack vom 13. Dezember 2025: kisoudis.substack.com
Von Dimitrios Kisoudis
Dimitrios Kisoudis ist Publizist und strategischer Berater. Er verantwortet das geopolitische Online-Magazin Weltinsel
Drum prüfe, wer sich ewig bindet...
Die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) der Trump-Regierung bedeutet einen Schwenk der USA von der Unipolarität zur multipolaren Weltordnung. Die Strategie wird auch Trumps Korollarium zur Monroe-Doktrin genannt. Indem sie ein Interventionsverbot für fremde Mächte in der Westlichen Hemisphäre postuliert, liefert sie eine Vorlage für ein Völkerrecht der Multipolarität. Sie legitimiert damit auch Russlands Intervention in der Ukraine, die unausgesprochen auf demselben Prinzip beruhte. Das Verbot des Angriffskriegs ist in dieser Logik durch ein ius ad bellum ersetzt, das ein Pol der Weltordnung geltend machen kann.
Dieser Nichtinterventionismus ist im NSS-Papier allerdings relativ. Als Präferenz setzt er höhere Hürden für Interventionen. Diese Relativierung bewegt sich durchaus im Rahmen multipolarer Logik. Großmächte müssen sich Interventionen im fremden Raum als letztes Mittel vorbehalten, das gilt für Russland und China im Zweifelsfall auch. Ohne so weit zu gehen wie Talleyrand, der Intervention und Nichtintervention als beinah synonym betrachtete, muss man die Linie ermessen, wo Interventionismus und Interventionsverbot sich scheiden. Diese Linie ziehen die USA im Hinblick auf die Volksrepublik China.
Die USA zwingen die Multipolarität mit ihrer Teilnahme in eine bipolare Logik. Die Hegemonie der Regionalmächte messen sie an deren Beziehungen zu China. Die NSS folgt dem Gedanken: Wollen wir doch mal sehen, wer nach dem Ende der regelbasierten Ordnung die stärkste Macht sein wird. So wollen sie ihre „autoritären“ Gegner mit deren eigenen Waffen schlagen. Der Überfall samt Entführung in Venezuela gab einen ersten Vorgeschmack, folgte aber zunächst alter Großraumlogik. Grönland ebenso. Ein Krieg gegen den Iran würde diese Logik verlassen, um Israel als Hegemon im Nahen Osten zu verankern.
Trumps Neues Goldenes Zeitalter für die USA erinnert an Xis Chinesischen Traum zur Wiederbelebung der Nation. Das Interventionsverbot für Lateinamerika richtet sich an die Chinesen. Die Intervention in Venezuela bietet einen Vorgeschmack auf dessen Verwirklichung. Chinesische Exporte in die USA über den Umweg Mexiko fallen ebenfalls darunter. In ihrem Bereich wollen die USA über Handelsbeziehungen entscheiden. Das gilt auch für den Energiehandel in Europa. Freiheitspotentiale für Europa sind mit der NSS nicht zwingend verbunden. Und wenn doch, dann eher für Ungarn als für Deutschland.
Für Großmächte und große Staaten intensiviert die NSS das geopolitische Spiel. Das strategische Ziel besteht darin, China zu einer Regionalmacht zurechtzustutzen. Erstens durch Beschneidung seiner Wirtschaft auf „household consumtion“, zweitens militärisch. Nach der Inselkettenstrategie von John Foster Dulles soll China auf Länge der Ersten (Japan, Taiwan, Philippinen, Malaysia, Vietnam) und Zweiten Inselkette (Japan bis zu seinen Inseln und den Marianen) – daran gehindert werden, Nord- und Südostasien zu verbinden und den Pazifikraum zu erreichen. Das ist der Kern der NSS. Was bedeutet er für Europa?
Europas Status bleibt in der NSS unklar. Europa ist kein Teil der Westlichen Hemisphäre, es liegt ja größtenteils in der Östlichen. Es wird aber – wie in der Truman-Doktrin – als Anhang des Westens behandelt. Warum eigentlich? Es erscheint nämlich nicht mehr als Teil der freien Welt. Seine Anhänglichkeit an die NATO wird angesichts wachsender nicht-europäischer Bevölkerungen perspektivisch als zweifelhaft geschildert. Was ins Gewicht fällt, das sind die (schwindende) wirtschaftliche Bedeutung und die Notwendigkeit, Russland zur strategischen Stabilität in Eurasien von Westen her zu balancieren. Also weniger als früher.
Wichtiger als Trumps Europa-Idee sind die Konsequenzen seiner China-Idee für Europa. Der Chinesische Traum und Trumps Goldenes Zeitalter prallen logisch aufeinander. Taiwan wird der Streitpunkt sein. So wie sich ein Korollarium logisch aus einem bewiesen Satz herleitet, so leitet sich der Konflikt zwingend aus beiden Strategien her. Im Konfliktfall wird das an die Westliche Hemisphäre gebundene Europa nicht über die strategische Autonomie verfügen, die anderen Großräumen zukommt. In diesem Fall wird es sich von China abkoppeln müssen, um Chinas Machtprojektion durch Außenhandel zurückzustutzen.
Eine Abkopplung vom größten Handelspartner wird für Deutschland schwer wiegen. Keiner wird dafür die Verantwortung übernehmen wollen. Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Die richtige Reaktion auf die NSS wäre, wenn Europas führende Politiker eine Strategie formulieren würden, in der das Verhältnis zu China europäischer Selbstbestimmung unterliegt – und nicht dem strategischen NATO-Konzept einer Konfrontation zwischen demokratischen und autokratischen Staaten. Dazu müssten sie an der EU notwendige Korrekturen vornehmen, die zu einer Stärkung der großen Staaten Deutschland und Frankreich führen würden. Kurioserweise geschieht das Gegenteil.
Eine Estin spielt die Rolle der EU-Außenminister, ein Niederländer spricht für die NATO. Und Deutschland und Frankreich unternehmen kaum etwas, um ihr Verhältnis zu China aus dem Jargon der Unipolarität in ein Verhältnis des politischen Realismus zu überführen. Europa verpasst auf breiter Linie den Anschluss an die neue Weltordnung. Im Konfliktfall wird es sich aber lösen müssen. Ob die Lösung den Nationalstaat oder europäische Staatlichkeit stärken wird, bleibt bisweilen unentschieden. Im schlimmsten Fall bleibt Europa wie in Jalta nur Objekt der Geschichte – und in der Multipolarität wegen Unmündigkeit unter Kuratel.