Die entrussifizierte Gaswirtschaft der Slowakei und Ungarns wird von den USA und Aserbaidschan beherrscht werden. Polen und die Türkei werden ihren Einfluss in Mittel- und Osteuropa über diese Pipelines ausbauen. Russland kann diese Entwicklung kaum stoppen

Der Beitrag erschien auf Englisch am 4. Juni 2026 auf korybko.substack.com

Von Andrew Korybko

Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau

Der stellvertretende Ministerpräsident der Slowakei Tomáš Taraba erklärte Mitte Mai bei einem Besuch in Baku, sein Land wolle einen auf zehn Jahre angelegten Gasvertrag mit Aserbaidschan unterzeichnen. Wenige Tage zuvor hatte Bloomberg berichtet, die Türkei erwäge den Bau einer Pipeline für militärische Treibstoffe nach Rumänien über bulgarisches Gebiet. Diese Analyse geht davon aus, dass diese Pipeline von Aserbaidschan aus über Armenien gespeist würde und – sofern Russland dem keinen Riegel vorschiebt – möglicherweise auch Gas aus Turkmenistan umfassen könnte. Denkbar wäre auch der Bau einer parallelen Pipeline zur Versorgung des zivilen Sektors.

In der Erklärung von Dubrovnik, die im Anschluss an den im vergangenen Monat abgehaltenen Gipfel der „Drei-Meere-Initiative“ (3SI) veröffentlicht wurde, wird der Solidarity Ring als eines der vorrangigen regionalen Vernetzungsprojekte aufgeführt. Bei diesem Projekt handelt es sich um eine Pipeline, die die Slowakei mit Aserbaidschan verbinden soll – und zwar über jene Route, die laut Bloomberg auch für die geplante militärische Treibstoffpipeline der Türkei in Betracht gezogen wird. Interessanterweise entspricht diese Route derjenigen der verworfenen Nabucco-Pipeline, die so faktisch wiederbelebt werden könnte.

Der Grund, warum die Slowakei überhaupt den Import von teurerem Gas aus dem weit entfernten Aserbaidschan in Erwägung zieht, liegt in einem EU-Beschluss vom Ende des vergangenen Jahres. Dieser verpflichtet Länder wie die Slowakei, die über langfristige Verträge mit Russland verfügen, dazu, die Abkehr von russischen Energielieferungen bis spätestens 2028 abzuschließen. Wie schon damals analysiert, positioniert sich Polen als Eintrittstor für US-amerikanisches Flüssigerdgas (LNG) nach Mittel- und Osteuropa – vor allem für seine Partner innerhalb der Visegrád-Gruppe: Tschechien, Slowakei, Ungarn.

Noch Ende letzten Jahres lag die relativ neue Gas-Verbindungsleitung zwischen Polen und der Slowakei weitgehend brach, da Bratislava weiterhin auf russische Lieferungen setzte. Dies dürfte sich jedoch bald ändern, so dass Polen vom Transit des US-LNG in die Slowakei und anschließend nach Ungarn profitieren kann. Ebenso wird erwartet, dass Ungarn unter seiner neuen, EU-freundlichen Regierung den Fluss von aserbaidschanischem Gas in die Slowakei über den Solidaritätsring erleichtert. So ersetzen amerikanisches und aserbaidschanisches Gas das russische nach der Entrussifizierung der jeweiligen Gasindustrien.

Diese Lieferungen sind zwar teurer als russisches Gas, aber die Slowakei hat kaum eine andere Wahl, als den Forderungen der EU nachzukommen, zumal russische Energieimporte über die Ukraine unzuverlässig sind, weil Kiew seine Rolle als Transitstaat bereits als politisches Druckmittel einsetzt. Ein kleiner Trost mag sein, dass die Slowakei die Fertigstellung eines lange verzögerten Teilstücks der Via-Carpathia-Fernstraße vorbereitet. Dieses wird den Handel zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer – und damit auch zwischen den regionalen Wirtschaftsgroßmächten Polen und Türkei – optimieren.

Gleichzeitig plant Rumänien, einen Abschnitt desselben Korridors auf eigenem Staatsgebiet fertigzustellen: die Autobahn A3, die die Reisezeiten zwischen Zentralrumänien und Ungarn verkürzen wird. Nach Abschluss dieser Via-Carpathia-Projekte werden die Slowakei und Ungarn eine zentrale Rolle im Handel zwischen Ostsee und Schwarzem Meer spielen. Ebenso werden sie durch die Fertigstellung der Solidarity Pipeline und die – allem Anschein nach unvermeidliche – Inbetriebnahme der Gas-Verbindungsleitung zwischen Polen und der Slowakei ins Zentrum des neuen, von den USA und Aserbaidschan dominierten Gas-Duopols der Region rücken, das das russische Gas ablöst.

All dies ist nachteilig für Russland, da die Via Carpathia auch eine militärlogistische Doppelfunktion erfüllt, während die Solidarity Pipeline russisches Gas aus dem EU-Markt verdrängt. Dennoch scheint Russland kaum realistische Möglichkeiten zu haben, diese Entwicklungen zu stoppen. Dasselbe gilt für die Slowakei und Ungarn: Sie könnten zwar von den wirtschaftlichen Aspekten der Via Carpathia profitieren, müssen aber höhere Preise für amerikanisches und aserbaidschanisches Gas zahlen. Am meisten profitieren jedoch Polen und die Türkei von diesen Projekten, was ihren wachsenden regionalen Einfluss unterstreicht.