In der Unipolarität bestimmten die Vereinigten Staaten von Amerika die regelbasierte Ordnung. Sie überwachten polizeilich eine Weltordnung, die sie mit ihrer eigenen Ideologie stabilisierten. Das Vereinigte Königreich war an diese Ordnung perfekt angepasst, ist aber unvorbereitet auf die Multipolarität, in der Großmachtkonkurrenz und nackte Gewalt über Vorherrschaft entscheiden. Im Konflikt um die Falklandinseln können sie bei keiner Großmacht mit Unterstützung rechnen. Wegen diesen Mangels an Anpassung und nicht wegen militärischer Schwäche dürften die Briten die Inseln verlieren
Der Beitrag erschien am 8. September 2026 auf Englisch bei multipolaritypod.substack
Von Multipolarity
Multipolarity ist ein Substack und Podcast, der den Aufstieg der multipolaren Weltordnung kartografiert. Er wird verantwortet vom Makroökonomen und Publizisten Philip Pilkington und von Andrew Collingwood, der in der Finanzindustrie arbeitet und für das Bournbrook Magazine schreibt
Die Falklandinseln sind als geopolitischer Echtzeit-Brennpunkt zurückgekehrt. Und Großbritannien dürfte eine Neuauflage des Konflikts verlieren. Nicht auf dem Schlachtfeld, sondern wegen der Kalkulationen, zu denen die strategischen Planer der Großmächte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gezwungen sein werden.
Buenos Aires dürfte daraus einen Vorteil ziehen, den es durch seine relative militärische Stärke niemals erlangen konnte. Entgegen der Darstellung in den Mainstream-Medien ist diese Entwicklung nicht Folge der vermeintlichen Rachsucht, der Stimmungsschwankungen oder sonstiger Launen von US-Präsident Donald Trump. Sie ist vielmehr das unvermeidliche Ergebnis des grundlegenden Wandels, der sich derzeit in der Weltpolitik vollzieht. In diesem Sinne dürfte der kommende Falkland-Konflikt eine der ersten anschaulichen Lektionen darüber liefern, wie eine multipolare Weltordnung in der Praxis funktioniert.
Der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung wird durch die Rückkehr der Sicherheitskonkurrenz zwischen Großmächten gekennzeichnet sein. Denn eine unipolare Ordnung enthält definitionsgemäß nur eine einzige Großmacht. Während des unipolaren Moments gab es daher keine andere Macht auf der Welt, die dazu in der Lage gewesen wäre, mit den Vereinigten Staaten zu konkurrieren, und folglich auch keine wirkliche Sicherheitskonkurrenz zwischen Großmächten. Washington war jedem denkbaren Rivalen derart überlegen, dass es die Bedingungen diktieren und ein globales System nach seinen eigenen Vorstellungen errichten konnte.
Natürlich kam es zu bewaffneten Konflikten zwischen den USA und jenen Staaten, die sich weigerten, Washingtons Bedingungen am Verhandlungstisch zu akzeptieren. Solche Militäroperationen wurden zu Recht als „Polizeiaktionen“ bezeichnet. Mit anderen Worten: Sie dienten dazu, das System zu „polizieren“ und dafür zu sorgen, dass seine Regeln eingehalten wurden – ähnlich wie eine Polizei im Innern dafür sorgt, dass Gesetze nicht gebrochen und diejenigen bestraft werden, die sie brechen. Das bedeutet nicht, dass diese Operationen keine zerstörerische Gewalt entfaltet hätten oder ihre humanitären Folgen nicht tragisch gewesen wären; es geht lediglich darum, ihren Zweck zu kategorisieren. Im Kern war die sogenannte „regelbasierte internationale Ordnung“ genau das: eine Weltordnung, die von den Vereinigten Staaten errichtet und überwacht wurde.
Unipolarität bedeutete entsprechend, dass die Vereinigten Staaten strategische Entscheidungen treffen konnten, ohne fürchten zu müssen, für Fehler so bestraft zu werden, dass sich ihre eigene Sicherheitslage substanziell verschlechtert hätte – zumindest nicht unmittelbar. Denn, um es zu wiederholen, es gab keine andere Nation und keinen anderen Block, der mächtig genug gewesen wäre, dies zu tun. Das Desaster der Irak-Invasion etwa hatte für Washington keine schweren strategischen Folgen – jedenfalls nicht kurz- oder mittelfristig. Abgesehen von den Kosten an Menschenleben und Geld blieb Washingtons Sicherheitslage im Kern weitgehend unberührt. Kein Amerikaner lag nachts wach und fragte sich, ob die Iraker seine Heimatstadt bombardieren würden, kein Industriekapitän fürchtete Angriffe auf seine Fabrik in den USA, kein amerikanischer Seemann musste sich auf hoher See vor irakischen Schiffen sorgen, kein amerikanischer Ökonom musste das Irak-Desaster in seine Handelskalkulationen einbeziehen.
Diese Freiheit von ernsthafter Bestrafung erlaubte es den USA, ihre internationalen Beziehungen auf Ideologie – ob politischer, moralischer oder wirtschaftlicher Art oder in Form von Bündnistreue – statt auf nacktes nationales Eigeninteresse oder Sicherheitskonkurrenz zu gründen. Anders ausgedrückt erlaubte die unipolare Epoche den USA, ihr nationales Interesse mit einem bestimmten Wirtschaftssystem, einem Verbündeten, einer politischen Ideologie oder einer Moral gleichzusetzen. Analysten könnten sagen, diese Freiheit habe eine Generation ziemlich verwöhnter Führer hervorgebracht, die weder die harte Realität der Machtverhältnisse in der Außenpolitik noch die Folgen strategischer Fehler in einer Welt verstehen, in der die USA nicht mehr haushoch überlegen sind.
In einer multipolaren Welt verändert sich diese Dynamik grundlegend. Eine multipolare Weltordnung ist schlicht ein globales System, in dem es mehr als eine Großmacht gibt. Weil andere Großmächte Teil dieses Systems sind, kann Washington die Bedingungen des Handels und der diplomatischen Beziehungen nicht mehr überall bestimmen. Irgendwann trifft es auf Staaten, die mächtig genug sind, es daran zu hindern. In dieser Welt werden strategische Fehltritte bestraft, weil manche Staaten dazu mächtig genug sind. Die Folgen strategischer Fehler werden für Washingtons eigene Sicherheitslage real und unmittelbar sein; je größer der Fehler, desto gravierender die negativen Konsequenzen.
In einer unipolaren Welt war die innere Ideologie der einzigen Großmacht von entscheidender Bedeutung, weil sie die globale Ordnung nach ihren Vorstellungen gestalten konnte. Da keine andere Macht sie beschränken konnte, musste jede Debatte darüber, wie die Welt aussehen sollte, zwangsläufig die innere Ideologie Amerikas einbeziehen. In einer multipolaren Welt hingegen müssen Sicherheitsinteressen Vorrang haben. Denn wenn eine Großmacht ideologisch handelt, werden die anderen Mächte sie bestrafen, indem sie ihr eigenes Handeln auf die Maximierung von Sicherheit und Macht ausrichten. Eine Politik oder Handlung, die auf ideologische Präferenzen zugeschnitten ist, kann definitionsgemäß nicht zugleich auf maximale Sicherheit ausgerichtet sein – außer in den seltenen Fällen, in denen beides bei einer bestimmten Handlung zusammenfällt.
Eine multipolare Welt wirkt daher wie ein Darwinismus der internationalen Beziehungen. Großmächte werden sich anpassen und ihre Strategien und außenpolitische Einzelhandlungen auf die Maximierung ihrer Sicherheit ausrichten müssen, um ihre eigene Position zu behaupten. Wer dazu nicht in der Lage ist, wird aus dem Kreis der Großmächte verdrängt werden – so sicher, wie im Laufe der Generationen eine Tierart von einer anderen ausgelöscht wird, die besser an denselben Lebensraum angepasst ist. Künftige Präsidenten dürften die westliche Hemisphäre – Nord- und Südamerika – genauso rücksichtslos betrachten wie Präsident Trump, wenn auch vielleicht mit besseren Umgangsformen und einer subtileren Öffentlichkeitsarbeit.
Das sollte London zutiefst beunruhigen. Doch wie so oft in diesen Tagen konzentrieren sich die britischen Medien und selbst die Militär- und Außenpolitikexperten auf das falsche Problem. Ihre Berichterstattung über die jüngste Zuspitzung des Falkland-Konflikts stellt die militärische Dimension in den Vordergrund. Vor allem im Mitte-rechts-Spektrum der britischen Medien und Politik wird die Gefahr beklagt, die das Vereinigte Königreich mit seiner chronischen Unterfinanzierung der Streitkräfte eingeht. Wer sich dem vorherrschenden Narrativ weniger verpflichtet fühlt, könnte noch die – infolge der Ukraine-Hilfe – geleerten Munitionslager hinzufügen.
Eine Schlagzeile des Guardian lautet: „Streit um die Falklandinseln unterstreicht die dringende Notwendigkeit, sich zum 3-Prozent-Ziel zu bekennen, so der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Labour-Partei.“ Das zeigt: Die britische politische Klasse verfehlt den entscheidenden Punkt. Der Zustand der britischen Streitkräfte sollte den Briten zwar große Sorgen bereiten. Auch wenn Großbritannien die Fähigkeit zur Verteidigung der Falklandinseln erhalten muss, ist eine erneute argentinische Invasion ist nicht die eigentliche Gefahr. Diese Gefahr ist zwar durchaus real. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass Großbritannien im strategisch relevanten Zeitraum die Inseln militärisch zu verlieren droht.
Das Vereinigte Königreich mag seine Streitkräfte in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise geschwächt haben, es hat aber die Verteidigung der Inseln seit 1982 tatsächlich erheblich gestärkt. Im Zentrum dieser Verteidigung steht RAF Mount Pleasant. Dort sind dauerhaft vier Typhoon FGR4 der Einheit 1435 Flight stationiert, außerdem ein Voyager-Tankflugzeug und ein A400M Atlas der 1312 Flight für Luftbetankung, Lufttransport und Seeaufklärung sowie Chinook-Hubschrauber der 1310 Flight. Hinzu kommen abgesetzte Radarstationen auf Ost- und Westfalkland sowie die Mittelstrecken-Luftverteidigung Sky Sabre zum Schutz des Flugplatzes. Die Royal Navy wiederum hält bei Mare Harbour ein leichtes Offshore-Patrouillenschiff der River-Klasse in Bereitschaft – derzeit die HMS Medway, die die HMS Forth abgelöst hat –, Zerstörer oder Fregatten werden regelmäßig ins Gebiet verlegt.
Der Beitrag der British Army besteht aus einer rotierenden Infanteriekompanie sowie Pionieren, Logistikern, einer Sky-Sabre-Einheit und weiteren Unterstützungskräften, ergänzt durch die nebenberufliche Falkland Islands Defence Force. Die Kompanie wird alle paar Monate ausgetauscht, jüngste Kontingente kamen von den Royal Irish, 4 PARA und 5 RIFLES. Dabei handelt es sich durchweg um hervorragend ausgebildete Berufssoldaten, die wohl auch einer zahlenmäßig erheblich größeren argentinischen Infanterietruppe überlegen wären – zumal die bereits vor Ort stationierten Truppen bei einem Expeditionskrieg erhebliche Vorteile besitzen. So klein diese Garnison erscheinen mag (insbesondere im Vergleich zu den riesigen Armeen und Materialmengen, die derzeit in der Ukraine im Kampf stehen), ist Buenos Aires noch weit davon entfernt, ein vergleichbares Gesamtpaket aufzubieten.
Hinzu kommt, dass Großbritannien auf jede militärische Aufrüstung Argentiniens mit einer Verstärkung seiner Präsenz auf und um die Inseln reagieren könnte – selbst ohne jene zusätzlichen Militärausgaben, die in London regelmäßig versprochen werden. „Aber was wäre, wenn?“, mögen nervöse britische Sofageneräle fragen. Was wäre, wenn Argentinien seine Wirtschaft in den Griff bekäme und sich dadurch einen großen Verteidigungshaushalt leisten könnte? Was wäre, wenn es ein vollständiges Paket aus Kampfflugzeugen der vierten Generation, AWACS und weitreichenden Luft-Luft-Raketen kaufen würde, wie China es Pakistan verkauft hat? Schließlich hat sich dieses Paket erfolgreich gegen indische Rafale-Kampfflugzeuge mit Meteor-Raketen behauptet – eine Kombination, die dem britischen Paket aus Typhoon und Meteor sehr nahekommt.
Was wäre, wenn Argentinien sein Heer erheblich vergrößern und mit modernem Gerät ausstatten würde? Was, wenn es sich die Verbreitung von Präzisionswaffen und hochwertiger Aufklärung zunutze machte? Wenn die Huthis solche Raketen einsetzen und die Ukrainer derartige Drohnen im eigenen Land bauen können, dann könnten theoretisch auch die Argentinier dazu in der Lage sein. Bis zu einem gewissen Grad hat dieser Prozess bereits begonnen. Argentinien übernimmt im Rahmen des Programms Peace Condor 24 ehemals dänische F-16A/B MLU. Die ersten sechs trafen Ende 2025 ein, weitere sechs sollen im September 2026 folgen. Damit würde Argentinien über 12 Maschinen verfügen. Die Auslieferung der restlichen Flugzeuge könnte möglicherweise bereits Ende 2027 statt erst 2028 abgeschlossen werden.
Allerdings handelt es sich dabei um modernisierte Flugzeuge der vierten Generation. Ihnen fehlt die organische Tankflugzeug- und Frühwarninfrastruktur, die die RAF von Mount Pleasant aus bereitstellen kann. Und obwohl sie gegenüber den A-4AR Fightinghawk, die sie ersetzen werden, und den Super Étendard, die einst Exocet-Raketen trugen, einen erheblichen Fortschritt darstellen, bleiben sie den Typhoon der RAF als Plattformen unterlegen und dürften überdies von weniger gut ausgebildeten und qualitativ schwächeren Piloten geflogen werden. Argentiniens Heer hat begonnen, amerikanische Stryker-8×8-Fahrzeuge sowie israelische ARAD-Gewehre als Ersatz für die alten FAL zu übernehmen. Vier P-3-Orion-Seefernaufklärer wurden aus Norwegen beschafft. Argentiniens Präsident Javier Milei hat zudem einen neuen Marinestützpunkt in Tierra del Fuego angekündigt.
Der britische Staat nimmt die Gefahr durch Raketen und Drohnen bei Weitem nicht ernst genug. Ein massiver Einsatz von Raketen und Einweg-Angriffsdrohnen würde die Stellung in Mount Pleasant schnell schwächen: Start- und Landebahnen, Treibstofflager, Radaranlagen und die einzige große Operationsbasis wären gefährdet. Letztlich könnte die RAF dadurch die Fähigkeit verlieren, den Luftraum zu behaupten, sodass argentinische Jagdbomber freie Hand bekämen. Wenn schon die Amerikaner Schwierigkeiten hatten, ihre Stützpunkte im Nahen Osten gegen iranische Angriffe zu verteidigen, kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass das Königreich große Mühe hätte, Mount Pleasant gegen einen konzentrierten argentinischen Raketen- und Drohnenangriff zu schützen.
Sollte Argentinien jedoch mit dem Aufbau eines solchen Arsenals beginnen, könnte Großbritannien darauf reagieren. Es könnte zusätzliche Verteidigungssysteme auf den Inseln stationieren, eine Punktverteidigung gegen Drohnen aufbauen und Flugzeuge auf improvisierte Flugplätze über die Inseln verteilen. Schließlich könnte es Systeme verlegen, die dazu in der Lage wären, argentinische Feuerstellungen auf dem Festland niederzuhalten. Hinzu kommt, dass eine amphibische Landung gegen bewaffneten Widerstand für Streitkräfte zu den schwierigsten Operationen überhaupt gehört. Die Argentinier könnten so viele Drohnen- und Raketentechnologien entwickeln, wie sie wollen – Soldaten über fast 500 Kilometer offene See auf die Inseln zu bringen, wäre eine viel größere Herausforderung. Ohne Luftüberlegenheit wäre sie unmöglich zu bewältigen, selbst mit Luftüberlegenheit ließe sich die landgestützte britische Schiffsabwehr nicht sicher ausschalten.
Ebenso zweifelhaft ist, dass Argentinien in absehbarer Zeit fähig wäre, die atomgetriebenen Jagd-U-Boote der Royal Navy aufzuspüren. Die Boote der Astute-Klasse gehören – nach den modernsten U-Booten der US Navy – zu den besten der Welt. Solange Argentinien die britischen Jagd-U-Boote nicht zuverlässig aufspüren kann, wäre es äußerst schwierig, eine Invasionstruppe auf den Falklandinseln zu landen und anschließend über See zu versorgen. Voraussetzung wäre allerdings, dass Großbritannien genügend Vorwarnzeit hätte, um noch vor Beginn einer argentinischen Invasion zusätzliche Kräfte in den Südatlantik zu verlegen.
Wenn also das militärische Kräfteverhältnis zugunsten des Vereinigten Königreichs ausfällt – und das noch eine ganze Weile – und wenn zudem das Völkerrecht in dieser Frage eher auf britischer Seite steht, wie könnte Großbritannien die Falklandinseln überhaupt verlieren? Die Antwort ist einfach: durch den Übergang zu einer multipolaren Welt, in der die Sicherheitskonkurrenz zwischen Großmächten zum bestimmenden Merkmal der internationalen Beziehungen wird. Südamerika wird auf absehbare Zeit einer der wichtigsten Schauplätze dieses Wettbewerbs sein.
Die Macht der Vereinigten Staaten beruht selbstverständlich auf ihren gewaltigen natürlichen Ressourcen, der enormen Größe, Stärke und Tiefe ihrer Wirtschaft und auf ihren mächtigen Streitkräften. Sie beruht aber auch darauf, dass sie in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft keine Rivalen haben. Regionale Hegemonie ist nicht bloß ein abstraktes Konzept aus der akademischen Welt, sondern eine konkrete Tatsache der amerikanischen Existenz, die handfeste Vorteile mit sich bringt. Die Führung in Washington hat die Bedeutung dieses Umstands stets verstanden. Deshalb verkündeten die USA bereits 1823 die Monroe-Doktrin, der zufolge sich außerkontinentale Mächte nicht in die westliche Hemisphäre einmischen dürfen – lange bevor die Vereinigten Staaten über die militärischen Mittel verfügten, diese Forderung durchzusetzen. Seither haben sie Kriege geführt, Gebiete annektiert, Staatsstreiche angezettelt, Revolutionen und Diktatoren unterstützt, Guerillas finanziert, Drogengeschäfte betrieben und Staaten blockiert, um sicherzustellen, dass Lateinamerika mitspielt.
Das hat sich nicht geändert – ebenso wenig Washingtons Wunsch, die kritischen Rohstoffe Südamerikas zu kontrollieren, darunter Öl, Eisenerz, Kupfer, Lithium, Niob und Uran. Aber dabei gibt es ein Problem: China ist inzwischen für die Mehrheit der südamerikanischen Staaten der größte Handelspartner. Es baut außerdem 5G-Netze, Häfen und Logistikkorridore und investiert – aus amerikanischer Sicht am schlimmsten – in all diese Rohstoffe, die anschließend nach China statt in die USA gehen. Mit diesen Investitionen, dem Handel und der Bereitstellung von Ausrüstung wächst auch der politische Einfluss. Wenn ein Land der größte Handelspartner eines Staates ist, dessen nationales Telekommunikationsnetz bereitstellt und entscheidende Infrastruktur baut und betreibt, verfügt es über beträchtlichen Einfluss auf dessen Politik. Deshalb – und nicht nur aus Sicherheitsgründen – setzten die USA die europäischen Staaten massiv unter Druck, auf chinesische 5G-Infrastruktur zu verzichten.
Unnötig zu erwähnen, dass Washington mit dieser Lage in Südamerika unzufrieden ist und mit gewohnter Rücksichtslosigkeit darum kämpft, die Kontrolle zurückzugewinnen. Venezuela behandelt Washington als Störfaktor in der eigenen Hemisphäre, dessen Widerstand gebrochen werden muss. Brasilien hat Washington mit Sanktionen überzogen, nachdem Präsident Luiz Inácio Lula da Silva durch die strafrechtliche Verfolgung des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro Washingtons Missfallen erregt hatte. Mexiko wurde wegen arbeitnehmerfreundlicher Änderungen des Arbeitsrechts, gentechnisch veränderter Nutzpflanzen, Änderungen bei Bergbaukonzessionen und der Haltung Mexiko-Stadts zum Ukrainekrieg unter Druck gesetzt. Und während dieser Artikel geschrieben wird, blockiert Washington Kuba.
Argentinien ist ein wichtiges Teil in diesem Puzzle. Das Land exportiert Agrarprodukte, Öl und Gas und gehört – entscheidend – zum Lithiumdreieck. Zudem kontrolliert Argentinien die Mündungswege des Paraná-Paraguay-Flusssystems, über das ein großer Teil der Exporte der Region abgewickelt wird. Wie wichtig Argentinien für Washington ist, zeigte die jüngste finanzielle Rettungsaktion der USA mit einer Dollar-Swap-Linie zur Stützung des Peso. Hinzu kam amerikanischer Druck auf den IWF, ein Kreditpaket in Rekordhöhe bereitzustellen – so umstritten, dass mehrere hochrangige Vertreter des Fonds aus Protest zurücktraten.
Präsident Milei ist ausgesprochen und anscheinend instinktiv proamerikanisch. Er hat versucht, Argentinien durch die bereits erwähnten Käufe von F-16 und Stryker-Fahrzeugen, durch militärische Zusammenarbeit und eine zunehmende strategische Annäherung fest in die amerikanische Einflusssphäre einzubinden. Argentinien ist offenkundig ein geostrategischer Preis und eine Schlüsselfigur auf dem südamerikanischen Schachbrett, das China wirtschaftlich dominiert. Für Washington ist es daher von größter Bedeutung, in Argentinien eine proamerikanische Regierung zu erhalten, während es sich in Südamerika insgesamt in einer Sicherheitskonkurrenz mit China befindet.
Trumps Hinwendung zu Argentinien in der Falklandfrage ist demnach nicht bloß die Laune eines sprunghaften Präsidenten, der Verbündete gern schikaniert und demütigt, wenn deren Regierungen politisch nicht auf seiner Linie liegen. Vielmehr ist sie eine unverblümte Form dessen, was wohl künftig die Politik der USA sein wird. Diese Position dürfte sich auch dann nicht ändern, wenn Präsident Milei bei der nächsten Wahl abgewählt wird. Eine argentinische Regierung, die sich weniger bereitwillig und demonstrativ an die Vereinigten Staaten anlehnt, könnte Washington sogar zu noch größeren Anstrengungen veranlassen, sie auf seiner Seite zu halten.
Für Großbritannien unangenehm ist die Tatsache, dass sich die USA mit einem Kurswechsel in der Falkland-Frage der globalen Mehrheit anschließen würden. China, Indien, Russland und Afrika stünden aus historisch antibritischen oder antikolonialen Gründen auf Argentiniens Seite – obwohl der Zusammenhang mit Kolonialismus im Fall der Falklandinseln nur schwach ausgeprägt ist. Frankreich dürfte aufgrund seiner eigenen Überseegebiete und Départements eine andere Position einnehmen. Möglicherweise könnte Spanien die EU auf die argentinische Seite ziehen. Madrid würde einen Verlust der Falklandinseln höchstwahrscheinlich als Auftakt für eine Wiedereröffnung der Gibraltarfrage betrachten.
Durchaus möglich, dass Präsident Trump die Falklandfrage nur dazu benutzt, um dem Vereinigten Königreich – und auch Argentinien – Zugeständnisse abzuringen, wie es seiner Art entspricht. Doch früher oder später wird die Realität der Sicherheitskonkurrenz in Südamerika künftige US-Regierungen unter Druck setzen, ihre Neutralität endgültig aufzugeben. Im günstigsten Fall bedeutet das für Großbritannien höhere Kosten zur Aufrechterhaltung des Status quo. Im schlimmsten Fall geriete das Land unter diplomatischen Druck, dem es nicht mehr standhalten könnte – und verlöre die Inseln.
Kein Staat hat sich stärker an den Erfolg in der unipolaren Welt angepasst als das Vereinigte Königreich. Durch seine Offenheit für Handel, Einwanderung und Kapitalströme hat es versucht, bestehende Vorteile in einem System zu nutzen, das die Vereinigten Staaten vorantrieben und schützten: einer immer stärker globalisierten Ordnung, in der Kapital, Menschen und Waren sich frei bewegen. Großbritannien erkannte, dass es sein gesamtes Regierungssystem und seinen Blick auf die Welt verändern müsse, um möglichst gut an diese Ordnung angepasst zu sein und seine Chancen auf nationalen Erfolg zu maximieren.
Spuren davon lassen sich sogar in der Entscheidung erkennen, einen Supreme Court einzuführen, was früher als unvereinbar mit Westminsters Souveränität gegolten hatte. Vor allem aber zeigte sich jene Anpassung in Großbritanniens Hinwendung zum Vorrang des Völkerrechts – eine Haltung, von der es nur abwich, wenn notwendig, um auf einer Linie mit den Vereinigten Staaten zu bleiben, die wie jeder absolute Monarch über dem Gesetz standen. Das Vereinigte Königreich achtete stets darauf, sich an Amerikas Polizeiaktionen zu beteiligen, und war darauf bedacht, als integraler Bestandteil dieses Systems wahrgenommen zu werden.
Großbritanniens Problem: Das System, auf das es sich fast 30 Jahre lang ausgerichtet hat, ist tot. Die Außenpolitik und die Eliten des Landes sind hoffnungslos schlecht auf die Realität einer entstehenden, noch immer gefährlich ungeformten multipolaren Ordnung vorbereitet. Wenn London nicht rasch handelt – wozu seine politische Klasse offenbar nicht in der Lage ist –, könnten Großbritannien und die Falklandinsulaner bald am eigenen Leib erfahren, was Multipolarität in der Praxis bedeutet: die Ausübung nackter Macht, begrenzt allein durch die Stärke anderer Großmächte, rücksichtslose Großmachtkonkurrenz, die Sicherheit über Ideologie und Moral stellt, und eine rasche Neuordnung der Bündnisstrukturen.
Titelbild: Donald Morrison, „Mount Pleasant Airport“, 28. Juni 2008, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons. Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/