Die Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien nötigen der islamischen NATO nicht einmal ein Statement ab. Pakistan will wohl nicht im jemenitischen Morast steckenbleiben wie Ägypten unter Nasser. Die weitere Entwicklung des Abnutzungskriegs lässt sich schwer vorhersagen, sieben Folgerungen lassen sich aber schon ziehen
Der Beitrag erschien am 11. September 2026 bei korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Saudi-Arabiens neue muslimische Verbündete eilen dem Königreich nicht zu Hilfe. Und selbst die USA sollen seine Bitte um ein direktes Eingreifen in der jüngsten Phase dieses seit mehr als einem Jahrzehnt andauernden Konflikts zurückgewiesen haben. Russlands Experte Farhad Ibragimov stellt zutreffend fest, dass „Saudi-Arabiens ‚muslimische NATO‘ vor ihrer ersten Feuerprobe steht“, während die Huthi ihre Angriffe auf Ziele innerhalb des Königreichs ausweiten.
Pakistan hat Berichten zufolge eine Warnung seines saudischen Verbündeten an den Iran weitergeleitet, die Huthi zu zügeln. Pakistans deutete Verteidigungsminister an, dass anhaltende Angriffe auf Saudi-Arabien das gemeinsame Verteidigungsbündnis aktivieren würden. Kurz darauf spielte Pakistans Außenministerium diese Möglichkeit allerdings herunter.
Etwa zur gleichen Zeit berichtet Axios, der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman habe die USA um Unterstützung durch Angriffe auf die Huthi gebeten, sei von Trump aber zurückgewiesen worden. CNN berichtet, die USA hätten ihre nachrichtendienstliche und Zielerfassungsunterstützung für Saudi-Arabiens Kampagne gegen den Verbündeten des Iran ausgeweitet. Diese Berichte widerlegen das Wunschdenken mancher Beobachter, die islamische NATO sei gegen die Durchsetzung amerikanischer Interessen gerichtet. Saudi-Arabien distanziert sich offenkundig nicht von den USA und bleibt zu seiner Sicherheit weiterhin weitgehend von ihnen abhängig.
Die jüngsten Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien stehen im Zusammenhang mit dem immer länger andauernden Dritten Golfkrieg. Offenbar hat der Iran seine Verbündeten damit beauftragt, am Bab al-Mandab eine weitere Front zu eröffnen, die Teherans Teilblockade der Straße von Hormus ergänzen und ihm ein zusätzliches Druckmittel in den Verhandlungen mit den USA verschaffen könnte. Parallel zu weiteren Angriffen auf das saudische Königreich startete die Gruppe eine Offensive und nahm den strategisch wichtigen jemenitischen Rotmeerhafen Mokka und die Hanisch-Inseln am nördlichen Zugang zur Meerenge ein.
Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse entwickeln, lässt sich nur schwer vorhersagen, was als Nächstes geschehen könnte. Sieben Schlussfolgerungen lassen sich aber aus den Entwicklungen schon ziehen. Erstens ist die islamische NATO nicht so gefestigt, wie manche angenommen hatten, denn bislang gibt es zu der Angelegenheit nicht einmal eine gemeinsame Erklärung. Zweitens fürchtet Pakistan, in einem jemenitischen Morast steckenzubleiben, der seine nationale Militärmacht auszehren könnte, wie dies mit Ägypten unter Nasser geschah. Daher die widersprüchlichen Signale über eine direkte Beteiligung an diesem Konflikt.
Drittens würde sich eine mögliche pakistanische Beteiligung wohl darauf beschränken, Saudi-Arabien gegen Angriffe der Huthi zu verteidigen und möglicherweise selbst Angriffe gegen sie zu führen. Der Einsatz pakistanischer Bodentruppen im Jemen ist dagegen unwahrscheinlich. Die vierte Schlussfolgerung: Saudi-Arabien zieht – laut Axios – amerikanische Angriffshilfe einer pakistanischen vor. Daraus folgt fünftens, dass Riad die islamische NATO niemals als Ersatz für seine sicherheitspolitische Abhängigkeit von Washington vorgesehen hatte.
Die sechste Schlussfolgerung lautet, dass die von Saudi-Arabien unterstützten Kräfte im Jemen schlecht ausgebildet, unzureichend ausgerüstet und von schwacher Moral sind. All das erklärt den schnellen Vorstoß der Huthi entlang der strategisch wichtigen Küste des Roten Meeres. Die siebte und letzte Schlussfolgerung lautet, dass Saudi-Arabiens Krieg gegen den von den Emiraten unterstützten Südlichen Übergangsrat von Ende 2025 bis Anfang 2026 das einzige realistische militärisch-politische Bollwerk gegen die Huthi zerstört hat: den kurzzeitig wiedererstandenen Staat Südjemen. Hätte er überlebt, hätten die Huthi möglicherweise zurückgeschlagen werden können.
Vor über 15 Monaten habe ich im Mai 2025 vorausgesagt, dass „der von den Huthi kontrollierte Nordjemen im Begriff ist, zu einer Macht in der Region aufzusteigen, wenn sich nichts ändert“. Heute ist das wahrscheinlicher denn je. Werden nicht bald entschlossene Maßnahmen ergriffen, um Saudi-Arabien zu verteidigen und die Huthi im Jemen zurückzudrängen, droht Riad diesen neuen Abnutzungskrieg zu verlieren.
Mit ihren jüngsten Angriffen auf die saudische Energieinfrastruktur erhöhen die Huthi den Druck auf das saudische Königreich. Dessen jemenitischer Verbündeter könnte zusammenbrechen. Eine solche Entwicklung würde die Geopolitik der Region grundlegend verändern.