Arabische Staaten besitzen einige der modernsten amerikanischen Waffensysteme, verfügen aber nicht vollständig über deren Einsatzfähigkeit. Munition, Ersatzteile, Software, Missionsdaten und Wartung binden ihre Arsenale dauerhaft an die USA. Einen geheimen „Kill Switch“, mit dem Washington exportierte Waffen auf Knopfdruck abschalten könnte, braucht es dafür nicht. Die eigentliche Kontrolle liegt in der technischen und logistischen Infrastruktur, die aus einer Waffe ein einsatzfähiges System macht

Der Beitrag erschien am 12. September 2026 auf Englisch bei The Cradle

Von Kamran Yeganegi

Kamran Yeganegi ist ein iranischer Wissenschaftler und Forscher mit den Schwerpunkten Energiediplomatie, Geopolitik, KI-Governance und öffentliche Politik. Er ist Assistenzprofessor, Universitätsberater, Vorstandsmitglied der Iranian Industrial Engineering Association und Autor für Middle East Monitor und die iranische Agentur IRNA

Arabische Regierungen mögen rechtlich Eigentümer einiger der modernsten Waffen der Welt sein, aber Eigentum bedeutet noch keine operative Souveränität. Ein Kampfflugzeug ohne freigegebene Munition, Ersatzteile, Software-Updates, Missionsdaten oder spezialisierte Wartung ist nur ein teures Objekt auf einer Startbahn. Washington braucht keinen geheimen Knopf, um das Arsenal eines Verbündeten abzuschalten. Die Kontrolle über das System, das die Waffe umgibt, kann schrittweise und selektiv dasselbe Ergebnis herbeiführen – unter dem Deckmantel von Verträgen, Exportbestimmungen und routinemäßiger technischer Unterstützung.

Das Arsenal unter dem Schutzschirm

Nach den SIPRI-Daten für 2021–2025 lieferten die USA 54 Prozent aller Großwaffen, die Staaten des „Nahen Ostens“ importiert haben. Auf Saudi-Arabien allein entfielen 6,8 % der weltweiten Waffenimporte, auf Katar 6,4 % und auf Kuwait 2,8 %. Zu diesen Käufen gehören Kampfflugzeuge, Luft- und Raketenabwehrsysteme, Präzisionswaffen, Sensoren und Führungssysteme. Jede dieser Plattformen bindet den Käufer für Jahre an das technische Ökosystem des Lieferanten.

Dieses Ökosystem bildet heute einen Großteil der High-End-Verteidigungsarchitektur am Golf. Zum von den USA gelieferten Arsenal Saudi-Arabiens gehören F-15-Kampfflugzeuge, Patriot-Luftabwehrsysteme, Kampfhubschrauber und Präzisionsmunition. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) betreiben F-16E/F-Kampfflugzeuge, Patriot-Batterien und THAAD, während Katar seine Luftstreitkräfte um F-15QA-Kampfflugzeuge und Patriot-Systeme aufgebaut hat. Diese Systeme sind darauf auf das Zusammenwirken von Radarerfassung, sicherer Kommunikation, Identifikations, Ausbildung und eine mit den USA kompatible Doktrin ausgelegt. Die Abhängigkeit reicht daher über einzelne Waffen hinaus. 

Wird eine Ebene der Unterstützungsstruktur gestört, kann dies die Wirksamkeit mehrerer miteinander verbundener Fähigkeiten beeinträchtigen. Die Abhängigkeit zeigt sich bereits in Washingtons eigenen Vorschriften. Die Defense Security Cooperation Agency bezeichnet größere Foreign Military Sales als „Total Package Approach“. Er umfasst nicht nur die eigentliche Plattform, sondern auch Ausbildung, technische Unterstützung, Software, Munition, Folgeunterstützung und nachrichtendienstliche Missionsdaten.

Jedes dieser Elemente ist zugleich ein potenzieller Kontrollpunkt. Ein Käufer kann Eigentümer der Flugzeugzelle sein und dennoch bei den Daten, anhand derer Bedrohungen definiert werden, bei der Software zur Integration der Sensoren, bei den Raketen zur Bewaffnung des Flugzeugs und beim Fachwissen, das es wieder einsatzfähig macht, von den USA abhängen. Dies ist die institutionelle Grundlage des sogenannten amerikanischen Schutzschirms.

Kein magischer Knopf erforderlich

In der öffentlichen Debatte wird dieses Verhältnis häufig auf einen buchstäblichen ferngesteuerten Kill Switch reduziert. Das F-35 Joint Program Office des Pentagon bestritt 2025, dass ein solcher Schalter existiert. Und es gibt keine bestätigten öffentlichen Belege dafür, dass Washington einen Befehl übermitteln kann, der augenblicklich sämtliche exportierten US-Flugzeuge am Boden hält oder sämtliche Raketen deaktiviert. Dieses Dementi betrifft aber nur die am engsten gefasste Behauptung. Die tiefer liegende Abhängigkeit beseitigt es nicht. 

Moderne Waffen werden durch Software-Versionen, kryptografisches Material, Bedrohungsbibliotheken, proprietäre Testgeräte, herstellerkontrollierte Komponenten und Lieferketten einsatzfähig gehalten, die sich der souveränen Kontrolle des Käufers entziehen. Bei der F-35 tritt diese Struktur besonders deutlich zutage. Ihr Autonomic Logistics Information System (ALIS) wird durch das Operational Data Integrated Network, kurz ODIN, ersetzt. Das Programmbüro beschreibt ALIS als das System, das Wartungsdaten des Flugzeugs in Entscheidungen umsetzt, die die Maschinen in der Luft halten. Das US Government Accountability Office hat die Schwierigkeiten bei der Umstellung auf ODIN dokumentiert.

Ausländische Betreiber erhalten keine uneingeschränkte Kontrolle über die Kernsoftware des Flugzeugs. Die USA haben beschlossen, selbst Partnerstaaten den Quellcode der F-35 vorzuenthalten. Das bedeutet nicht, dass ein Flugzeug vor jedem Start Washingtons Erlaubnis benötigt. Langfristige Modernisierung, Fehlerdiagnose, Unterstützung bei Missionsdaten und große Teile der Instandhaltungskette bleiben aber Bestandteil eines von den USA geführten Systems.

Die Grenzen der GPS-Kontrolle

Dieselbe Unterscheidung gilt für satellitengelenkte Waffen. JDAM-Kits, Excalibur-Artilleriegeschosse und andere Präzisionswaffen nutzen neben der Trägheitsnavigation auch GPS. Ihre Abhängigkeit von einer von den USA betriebenen Satellitenkonstellation schafft offenkundig eine strategische Verwundbarkeit, insbesondere wenn der Zugang zu verschlüsselten militärischen Signalen, Updates oder kompatibler Missionsplanungs-Ausrüstung eingeschränkt wird.

Unzutreffend ist allerdings die Behauptung, Washington könne die Selective Availability wieder aktivieren, um das zivile oder für den Export bestimmte GPS über einem einzelnen Land zu verschlechtern. Die US-Regierung hat die Selective Availability im Mai 2000 beendet und die Funktion später aus neuen GPS-Satelliten entfernt. Der alte Mechanismus wirkte zudem auf die Konstellation als Ganzes und erzeugte keine sauber abgegrenzte Ausschlusszone von der Größe eines Landes.

Der Verlust oder die Verweigerung von GPS würde auch nicht zwangsläufig jede gelenkte in eine ungelenkte Waffe verwandeln. Systeme, die Satelliten- und Trägheitsnavigation kombinieren, können einen Teil ihrer Fähigkeiten behalten, in der Regel allerdings mit geringerer Präzision. Ebensowenig gibt es glaubwürdige öffentliche Belege dafür, dass Excalibur-Geschosse oder moderne Panzerabwehrraketen über eine von den USA fernaktivierbare Softwaresperre verfügen, die einen Werfer dazu bringt, sie als „nicht verifiziert“ zurückzuweisen.

Washingtons tatsächlicher Hebel liegt anderswo. Die USA kontrollieren, welche Munition in welchen Mengen exportiert wird, welche Upgrades und Verschlüsselungsstandards freigegeben werden und ob im Krieg aufgebrauchte Bestände wieder aufgefüllt werden. Ein Arsenal kann neutralisiert werden, ohne dass jemals ein unsichtbares Signal den Himmel durchquert.

Saudi-Arabien: Das Flugzeug bleibt, der Auftrag ändert sich

Saudi-Arabiens F-15-Flotte veranschaulicht den Unterschied zwischen dem Besitz einer Plattform und der Kontrolle über ihr gesamtes Kampfpotenzial. Im Februar 2026 genehmigten die USA ein mögliches Drei-Milliarden-Dollar-Paket zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit der F-15. Es umfasst Ersatz- und Reparaturteile, klassifizierte und nicht klassifizierte Software, technische Dokumentation, Ausbildung sowie Unterstützung durch die US-Regierung und private Auftragnehmer. Das Paket enthält keine neue Kampfflugzeugflotte. Sein Wert besteht darin, die bestehende einsatzfähig zu halten – und zeigt damit, wie ein Kampfflugzeug noch lange nach seinem ursprünglichen Verkauf an später getroffene Entscheidungen gebunden bleibt.

Diese Abhängigkeit wurde während des Jemenkriegs zu einem politischen Druckmittel. Im Februar 2021 erklärte der damalige US-Präsident Joe Biden: „Wir beenden jegliche amerikanische Unterstützung für offensive Operationen im Krieg im Jemen, einschließlich der entsprechenden Waffenverkäufe.“ In der Erklärung des Weißen Hauses wurde zugleich die weitere Unterstützung für die territoriale Verteidigung Saudi-Arabiens zugesagt. 

Riad behielt seine Kampfflugzeuge und Luftabwehrsysteme. Aber Washington zog eine Grenze zwischen den Einsätzen, die es weiterhin ermöglichen, und jenen, die es beschränken wollte. Die Beschränkungen bestimmter offensiver Waffenlieferungen wurden 2024 aufgehoben. Damit bestätigt sich, dass der Hahn durch eine politische Entscheidung zugedreht und wieder aufgedreht werden kann.

Die F-16-Flotte des Irak bleibt von US-Auftragnehmern abhängig

Der Irak kaufte 36 F-16 von den USA, aber die Einsatzbereitschaft der Flotte blieb in hohem Maße von amerikanischem technischem Personal abhängig. Im Mai 2021 zog Lockheed Martin sein Wartungsteam nach wiederholten Angriffen von Widerstandsgruppen vom Luftwaffenstützpunkt Balad ab. Die Entscheidung wurde aus Sicherheitsgründen getroffen und war keine Strafmaßnahme Washingtons. Ihre militärische Wirkung war dennoch aufschlussreich. 

Das Air & Space Forces Magazine berichtete, der Abzug werde die Operationen der Flotte wohl einschränken. Der Vorfall machte das Ausmaß der irakischen Abhängigkeit sichtbar. Wenn bereits der Abzug privater Auftragnehmer den Flugbetrieb einschränken konnte, könnte Washington ähnlichen Druck ausüben, indem es Exportgenehmigungen, Verträge oder technische Unterstützung aussetzt. Irak besaß die Jets, aber nicht die vollständige Kette, die nötig war, um sie in der Luft zu halten.

Die VAE verhandeln über die Grenzen ihrer Souveränität

Der Fall der Emirate zeigt, dass dieser Hebel bereits eingesetzt werden kann, bevor eine Plattform überhaupt geliefert wird. Ein vorgeschlagenes Paket im Wert von 23 Milliarden Dollar umfasste 50 F-35-Kampfflugzeuge, bis zu 18 bewaffnete MQ-9-Drohnen und moderne Munition. Die Verhandlungen gerieten angesichts amerikanischer Bedenken über Chinas technologische Präsenz in den VAE und über die an den Betrieb der Flugzeuge geknüpften Bedingungen ins Stocken. 

Als ein Vertreter der Emirate 2021 die Aussetzung der Gespräche durch Abu Dhabi erläuterte, verwies er auf „technische Anforderungen, souveräne operative Beschränkungen und eine Kosten-Nutzen-Analyse“. Diese „souveränen operativen Beschränkungen“ machten die Grenzen des Geschäfts sichtbar. Washington verfügte noch nicht über ein emiratisches Flugzeug, das es hätte abschalten können. Stattdessen nutzte es seine Kontrolle über die Technologie, um die Zugangsbedingungen zu diktieren, bevor auch nur ein einziger Jet ausgeliefert worden war. Der Kill Switch war bereits Teil des Verkaufs.

Washington zieht der Türkei den Stecker

Die Türkei liefert das deutlichste Beispiel in der Region. Sie war nicht nur Kunde der F-35, sondern NATO-Verbündeter und Fertigungspartner, der Hunderte von Komponenten produzierte. Türkische Unternehmen hatten in das Programm investiert, Ankara hatte rund 1,4 Milliarden Dollar gezahlt, und türkische Piloten hatten in den USA bereits mit ihrer Ausbildung begonnen. Nachdem Ankara das russische Luftabwehrsystem S-400 übernommen hatte, schloss das Pentagon die Türkei aus dem F-35-Programm aus. 

Ein hochrangiger Vertreter des US-Verteidigungsministeriums erklärte: „Die Türkei kann sich für den Erwerb der S-400 oder der F-35 entscheiden. Sie kann nicht beides haben.“ Anschließend begann das Pentagon mit der Abwicklung der türkischen Beteiligung – trotz Ankaras Investitionen, seiner industriellen Rolle und seines Status als Verbündeter. Dieser Vorgang ist greifbarer als Behauptungen, amerikanische Software würde eine türkische F-35 daran hindern, griechische Streitkräfte anzugreifen. Es gibt keine glaubwürdigen öffentlichen Belege dafür, dass die NATO-Freund-Feind-Kennung automatisch verhindert, verbündete Flugzeuge oder Schiffe mit Waffen zu erfassen, oder dass Washington einen türkischen Missionscomputer aus der Ferne einfrieren kann, sobald ein Ziel ausgewählt worden ist.

Washington übte seine Macht lange aus, bevor die Flugzeuge überhaupt hätten abheben können. Es blockierte die Auslieferung, schloss türkische Unternehmen aus der Produktionskette aus, beendete die Pilotenausbildung und verweigerte den Zugang zu Software und Wartung. Die Flugzeuge mussten nicht aus der Ferne am Boden gehalten werden, weil die USA dafür sorgten, dass die Türkei sie gar nicht erst erhielt.

Ankaras Reaktion bestand darin, dem im eigenen Land entwickelten KAAN-Kampfflugzeug größeres Gewicht beizumessen und nach alternativen Beschaffungswegen zu suchen. Zugleich bemühte sich die Türkei weiterhin um eine Rückkehr in das F-35-Programm. Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte 2025, dass Gespräche auf technischer Ebene wieder aufgenommen worden seien.

Eine Architektur der Erlaubnis

Keiner dieser Fälle beweist, dass Washington über einen geheimen Code verfügt, mit dem sich jede exportierte Waffe aus der Ferne deaktivieren lässt. Einen solchen braucht es auch nicht. Der tatsächliche Kill Switch verläuft über Munitionsfreigaben, Ersatzteile, Software, technische Daten, Auftragnehmer, Ausbildung, Missionsdateien und Upgrades. Jeder dieser Druckpunkte kann als gewöhnliche administrative, rechtliche oder vertragliche Entscheidung dargestellt werden. Zusammengenommen bestimmen sie die Grenzen militärischer Autonomie und erlauben Washington, selektiv Kosten aufzuerlegen, ohne verkünden zu müssen, dass das Arsenal eines Verbündeten abgeschaltet worden sei.

Washingtons Einfluss hat Grenzen. Arabische Staaten können sich europäischen oder chinesischen Lieferanten zuwenden oder eigene Waffen entwickeln, und amerikanischer Druck erzwingt nicht immer einen politischen Kurswechsel. Der Austausch eines etablierten militärischen Systems dauert allerdings Jahre – und die Einsatzbereitschaft kann nicht warten. Die arabischen Staaten besitzen die Hardware. Washington behält jedoch erheblichen Einfluss darauf, wie einsatzbereit diese Waffen sind, welche Operationen sich mit ihnen dauerhaft durchführen lassen und welche strategischen Entscheidungen sie ermöglichen.

Titelbild: Rafael Minguet Delgado via Pexels