Kiew und seine europäischen Unterstützer drängen auf einen Waffenstillstand entlang der Frontlinie, Moskau beharrt auf einem ukrainischen Rückzug aus dem Donbass. Der Druck auf Russland kann das Kalkül des Kremls erschüttern, er kann den Krieg aber ebenso weiter radikalisieren. Wer einen Waffenstillstand ernsthaft erreichen will, muss deshalb auch ein belastbares politisches Gegenangebot vorlegen

Von Michael Thoma

Michael Thoma ist freier Journalist und widmet sich vor allem der Beobachtung und Analyse aktueller weltpolitischer Ereignisse

Die diplomatischen Drähte glühen wieder. Nach monatelanger Funkstille rund um eine mögliche Beendigung des Krieges in der Ukraine tut sich plötzlich etwas. Am 22. Juli 2026 erörterte Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj das Thema mit Jared Kushner und Steve Witkoff. Eine Reise in die USA, um die Gespräche zu vertiefen, werde in Betracht gezogen. Bereits einen Tag später trafen sich Marco Rubio und Sergej Lawrow am Rande des ASEAN-Außenministertreffens in Manila, Philippinen – ebenfalls mit dem Fokus auf Waffenstillstandsverhandlungen.

Selenskyj ließ durchblicken, dass es bis zum Herbst zu trilateralen Gesprächen zwischen der Ukraine, Russland und den USA kommen könnte. Kiew habe bereits amerikanische Vorschläge für ein Kriegsende auf dem Tisch, so der Präsident. Vermutlich wurden diese bei dem Gespräch mit Witkoff ventiliert. Jetzt sind die Gesandten Donald Trumps am Zug, diese Ideen nach Moskau zu tragen. Doch was steckt wirklich hinter diesem plötzlichen diplomatischen Aktivismus?

Das Ende des Geistes von Anchorage

Es scheint, dass die Gesprächsspur vor allem auf Betreiben Kiews und seiner westlichen Verbündeten wiederbelebt wird – also einer Achse aus einigen EU-Staaten, Großbritannien und den Falken innerhalb der US-Republikaner, denen der verstorbene Lindsey Graham nahestand und denen wohl Außenminister Marco Rubio zuzurechnen ist.

Was diese Kräfte eint, ist die Ablehnung der Bedingungen, die Russland und die USA – so zumindest die Darstellung aus Moskau – beim Gipfel von Anchorage im Jahr 2025 ausgehandelt haben. Diese Bedingungen sahen damals einen Abzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass vor. Kiew und seine Getreuen setzen dem nun ein eigenes Modell entgegen: eine Waffenruhe entlang der aktuellen Frontlinie, flankiert von der Stationierung ausländischer Truppen auf ukrainischem Boden als Sicherheitsgarantie.

Die seit Jahresbeginn verfolgte Strategie hat dabei zwei Ziele: Zum einen sollten massierte Schläge gegen das russische Hinterland – Raffinerien, Häfen, Frachtschiffe und Industrieanlagen – sowie Angriffe auf russisch kontrollierte Gebiete (darunter Versuche, die Krim zu isolieren) Trump davon überzeugen, dass das Kriegsglück sich zugunsten der Ukraine wende. Die Logik dahinter: Da Russland am Boden liege, solle Washington nicht länger auf einen Truppenabzug Kiews pochen, sondern im Gegenteil den Druck auf Moskau erhöhen, um es zu ukrainischen Friedensbedingungen zu zwingen.

Zum anderen setzte man in Kiew und den europäischen Hauptstädten darauf, dass die hohen Verluste durch diese Angriffe den Kreml zu Zugeständnissen bewegen würden. Nun, so scheint es, soll dieser Plan praktisch umgesetzt werden – zumal die US-Kongresswahlen näher rücken. Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang die Äußerungen Rubios nach seinem Treffen mit Lawrow. 

Der US-amerikanische Außenminister vermittelte zwei zentrale Botschaften. Erstens: Die Bedingungen von Anchorage seien bereits im vergangenen Jahr für die Ukraine inakzeptabel gewesen, und nach den erfolgreichen Angriffen auf das russische Hinterland könnten sie schon gar nicht mehr als Grundlage für eine Einigung dienen. Zweitens: Man müsse nun nach neuen Ideen für einen Frieden suchen. Anders ausgedrückt: Man will die Anchorage-Formel zu Grabe tragen.

Die entscheidende Frage ist nun, wie Moskau darauf reagiert. Die Antwort lieferte Lawrow im Grunde bereits. Direkt im Anschluss an das Gespräch mit Rubio stellte er klar: Russland sei zu einer diplomatischen Lösung bereit – aber nur zu den Bedingungen von Anchorage. Von einer Anpassung der Kreml-Position keine Spur.

Fasst man diese und zahlreiche andere Signale zusammen, so lässt sich die russische Antwort auf die ukrainisch-westlichen Vorschläge für eine Waffenruhe entlang der Frontlinie wie folgt auf den Punkt bringen: Der Krieg ist erst dann zu Ende, wenn Russland den gesamten Donbass unter Kontrolle hat. Je schneller das geschieht, desto eher schweigen die Waffen, desto geringer die Opferzahlen – und desto besser für alle Beteiligten. 

Kiew könne diesen Prozess beschleunigen, indem es seine Truppen eigenständig abzieht. Dann ginge alles schnell und nahezu blutlos von statten. Ziehen die ukrainischen Verbände jedoch nicht ab, werde der Krieg länger dauern und weit mehr Opfer fordern – aber innerhalb von ein bis zwei Jahren werde Russland den Donbass dennoch erobern. Menschen sind in diesem Kalkül ersetzbar, Zeit ist es nicht.

Die Ukraine würde in dieser Zeit weiter Verluste erleiden. Städte blieben im Winter ohne Strom, Wasser und Heizung, Häfen wären blockiert, die Wirtschaft befände sich im Dauerkollaps. Das Endergebnis wäre aus Moskauer Sicht dasselbe: Der Donbass fällt unter russische Kontrolle. Möglicherweise ginge es dann nicht mehr nur um den Donbass, sondern auch um Gebiete wie Saporischschja.

Ukrainische Angriffe könnten zwar die Heizungsversorgung in Russland lahmlegen und Schlangen vor den Tankstellen verursachen. Die russische Führung dürfte jedoch darauf vertrauen, dass die Gesellschaft das durchsteht. Die Schläge würden der Wirtschaft und dem Staatshaushalt schaden, aber Moskau könnte über ein oder zwei Jahre hinweg Mittel aus zivilen Etats abziehen und in das Militär umleiten. Der Haushalt gibt das vorerst her.

Weitere Zehntausende russische Soldaten würden sterben? Der Kreml könnte neue an die Front schicken. Sollten die Vertragssoldaten nicht ausreichen, bliebe immer noch die Option einer neuen Mobilisierungswelle.

Was Trump betrifft: Sollte ihm tatsächlich daran gelegen sein, den Krieg vor den Kongresswahlen zu beenden, könnte er den Prozess etwa durch die Einstellung der Weitergabe von Geheimdienstinformationen an die Ukraine beschleunigen. In diesem Fall wäre Kiew binnen ein bis zwei Monaten gezwungen, den Bedingungen von Anchorage zuzustimmen.

Der zentrale Pfeiler dieser hypothetischen Antwort ist die feste Überzeugung, dass der Donbass früher oder später eingenommen wird – und dass Russland die Strapazen der Kriegszeit aushalten kann. Doch wie realistisch ist diese Einschätzung tatsächlich?

Krieg bis zur Destabilisierung

Die vergangenen Monate intensiver ukrainischer Angriffe haben eines gezeigt: Der Schaden, den sie anrichten können, ist beträchtlich. Aber die russischen Behörden haben es bislang weitgehend verstanden, die Auswirkungen abzufedern. Die Häfen haben sich von den Frühjahrsangriffen erholt und verschiffen wieder Rekordmengen an Öl. 

Hinzu kommt ein Preistreiber: Die jüngste Zuspitzung im Iran-Konflikt ließ die Energiepreise erneut anziehen. Auch die akute Brennstoffkrise in Russland hat sich allmählich entschärft. Anzeichen für breiten Unmut in der Bevölkerung wegen der Schlangen vor den Tankstellen gab es nicht. Wladimir Putins Zustimmungswerte sind zwar um einige Punkte gesunken, pendeln aber weiterhin bei beachtlichen 65 bis 70 Prozent. 

Die Führung in Moskau nutzt die ukrainischen Schläge zudem gezielt, um die Gesellschaft zur Unterstützung des Krieges zu mobilisieren. Weitere Attacken auf Raffinerien und die Schifffahrt im Schwarzen Meer sind durchaus wahrscheinlich. Die Angriffe auf die Schifffahrt fügen der Landwirtschaft bereits jetzt schweren Schaden zu, weil die Verschiffung über die Häfen des Asowschen Meeres zum Erliegen gekommen ist. 

Der Krieg frisst sich immer tiefer in den russischen Haushalt. Dennoch verfügt Russland noch über erhebliche Reserven, um die Militärausgaben auf Kosten ziviler Programme aufzustocken: etwa beim Straßenbau, der Stadtverschönerung oder dem Errichten nicht-militärischer und nicht-strategischer Infrastruktur.

An der Front kommen die russischen Verbände nur schleppend voran, aber sie kommen voran. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass Russland den Donbass auf militärischem Wege komplett einnimmt. Allerdings hängt es davon ab, dass drei Bedingungen erfüllt sind.

Erstens: Die Ukraine darf im militärisch-technologischen Bereich, insbesondere bei Drohnen, nicht dauerhaft und entscheidend die Oberhand gewinnen. Andernfalls könnte ein weiteres Vorrücken der russischen Armee schlicht unmöglich werden. Zweitens: Russland muss über ausreichend Mannstärke verfügen, um die Offensive aufrechtzuerhalten. Drittens: Die politische und soziale Stabilität im Innern muss gewahrt bleiben.

Bereits jetzt greifbar ist das Risiko, dass mindestens eine dieser Voraussetzungen wegfällt. Besonders die dritte Voraussetzung wird zur Achillesferse, sollte sich die sozioökonomische Lage weiter zuspitzen. Daher wäre ein Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie für Russland durchaus ein akzeptabler Ausweg. Zumal sich kaum jemand in Russland erklären kann, was an den fest in ukrainischer Hand befindlichen Städten Kramatorsk und Slowjansk so wichtig sein soll, dass es eine ungewisse Fortsetzung des Krieges rechtfertigen würde.

Der Kreml weist diese Option bislang jedoch zurück – getreu der beschriebenen Logik. Theoretisch könnte seine Position weniger durch Druck als durch eine echte Alternative verändert werden. Denkbar wären etwa: eine teilweise Aufhebung der europäischen und amerikanischen Sanktionen, eine Wiederannäherung an Europa, verbindliche Garantien für einen neutralen Status der Ukraine und der Verzicht auf die Stationierung ausländischer Truppen auf ihrem Territorium. Doch von alledem ist bislang nicht die Rede.

Die europäischen und ukrainischen Appelle für eine Waffenruhe sind so vorgetragen, dass sie Putin geradezu einladen, sie auszuschlagen. Denn anscheinend verfolgen Kiew und die EU ein anderes Szenario als die Waffenruhe entlang der Front – nämlich die Fortsetzung der Kampfhandlungen mit dem Ziel, Russland von innen zu destabilisieren. 

Moskau soll so anschließend zu weit härteren Friedensbedingungen gezwungen werden, die über die Ukraine hinausreichen und auch Staaten wie Moldau und Georgien betreffen. Doch dieses Szenario ist nicht in Stein gemeißelt. Die Lage könnte sich – und das ist die bittere Wahrheit – auch in eine völlig andere, weitaus gefährlichere Richtung entwickeln.

Hintergrundbild: U.S. Department of State, Foto: Mateo S. Melendy. Public Domain (U.S. Government Work gemäß 17 U.S.C. § 105).