Politisch ist Europa mit seinen Staaten eine Schöpfung der Nachkriegszeit. Mit der halben Ausnahme Frankreichs ist es so konzipiert, dass es unter US-amerikanischer Hegemonie funktionieren kann. Das gelang im Kalten Krieg und im unipolaren Moment nach 1990. Die souveräne Entscheidung über Krieg und Frieden war Europa vom Hegemon abgenommen. Auf diesen Teilausschnitt des Politischen waren die heimischen Institutionen zugeschnitten.

Im Umbruch zur multipolaren Weltordnung zoomt der Regisseur der Weltgeschichte einen größeren Ausschnitt heraus. Um den idyllischen Paradiesgarten herum erscheinen Monster wie aus Hieronymus Boschs Gemälden. Der früher die Dämonen austrieb, erscheint nun selbst dämonisch. Aus dem Endsieg der Liberaldemokratie wird im Handumdrehen die Aufkunft einer Infernaldämonkratie. Deutschland muss ungekannte Bedrohungen abwehren, aber seinen Anführern sind die Hände gebunden und die Augen verbunden.

Was hinter dem kommenden Umbruch wartet, ist größer als die Akteure, die in die ersten Risse gestoßen sind. Weder Ansätze zur europäischen Staatlichkeit noch Migrationswellen sind als Probleme isolierbar gewesen. Euro(pa), Grenzöffnung, Corona und Kriege konvergieren zu einer Krise, die sich nur systematisch bewältigen lässt. Sie übersteigt die Parteilogik bei den Kräften der Beharrung und den Kräften der Veränderung. Wer auf der Seite des Neuen steht, wird unklar. Aus Globalisierungsverlierern werden Gewinner und umgekehrt.

Die AfD hat in Sachsen-Anhalt einen fulminanten Wahlsieg eingefahren, weil sie als das Negative oder als negativ Inszenierte des Parteiensystems die Hoffnung auf Lösungen ballt. Richtige Grundsatzentscheidungen der Führung(en) haben den Weg dazu bereitet. Das BSW hat sich über die Fünf-Prozent-Hürde gerettet und darf sich als Zünglein an der Waage fühlen. Der Antiimperialismus findet in der Multipolarität (die antiimperialistischer Imperialismus ist) ein Milieu, das im unipolaren Moment nicht gegeben war.

Aber Parteien erlauben keine Auslese nach der Logik politischer Notwendigkeit. In Thüringen mag das Wolfsrudel von dannen gezogen sein, die Beta-Wölfchen werden immer in der Mehrzahl sein. Mit der Gabe der Organisation und einem Phantom Punch lassen sie sich auf Linie bringen, aber nicht zum Kader formen. Die historische Herausforderung übersteigt das Potential von Parteien und den Zuschnitt von Einrichtungen begrenzter Souveränität. Offen zur exekutiven Entwicklung sind die Institutionen eher noch auf europäischer Ebene.

Die Kräfte von gestern haben weder Energie noch Personal, um den Umbruch aufzuhalten. Und wer für sie die Uhr zurückdrehen will, müsste dabei Kraft aufwenden wie der Uhrensteller in Metropolis von Fritz Lang (1927). Europas politische Zukunft wird vom Wettkampf zwischen den USA und China bestimmt werden. In diesem Kampf muss sich Europa als Zivilisation begreifen. Links und rechts. Sonst wird es zum Narrenschiff im Atlantik.